04. Oktober 2018, 21:32 Uhr

Tierschutz

Gassi gehen, schmusen, streicheln auf dem Gnadenhof in Nieder-Mockstadt

Sie sind verwahrlost, krank oder wurden misshandelt: Die meisten Tiere auf dem Birkenhof haben eine traurige Vergangenheit. Doch Menschen wie Lena Kraft ermöglichen ihnen ein besseres Leben.
04. Oktober 2018, 21:32 Uhr
Anna-Luisa_Hortien
Von Anna-Luisa Hortien

Wenn Lena Kraft durch das große Tor am Eingang des Birkenhofs tritt, wird sie gleich von zwei Hunden begrüßt. Hogan und Kenai bellen beim Anblick der zierlichen blonden Frau und drücken die Nasen ans Gitter ihres Auslaufs. Sie holt ein paar Leckerli aus ihrer Bauchtasche. Husky Kenai, der schon über vier Jahre auf dem Gnadenhof lebt, liebt rote Paprika. Kraft kommt drei- bis viermal die Woche auf den Hof, um mit den Hunden Gassi zu gehen.

Der Birkenhof in Nieder-Mockstadt hat sich dem Tierschutz verschrieben – nicht nur gestern, am 4. Oktober, dem Welttierschutztag, sondern an 365 Tage im Jahr. Dort leben alte und kranke, aber auch schwer vermittelbare Tiere, die ein neues Zuhause suchen. Neben Hunden wohnen Katzen, Pferde, Ponys, Schweine, Schafe, Gänse, Hühner, Enten, Ziegen und Meerschweinchen auf dem 1989 eröffneten Hof. Er wird vom Tierschutzverein Frankfurt betrieben. Die sieben Festangestellten erhalten Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer, die mit den Hunden Gassi gehen oder mit den Katzen schmusen.

Schweine mit Spaten verletzt

Einer dieser Helfer ist Lena Kraft. Sie ist selbstständig, kann sich ihre Arbeit deshalb frei einteilen und wahlweise am Vor- oder Nachmittag ihre Schützlinge besuchen. Am liebsten mag sie die Hunde. Sie hat selbst fünf eigene, drei davon vom Gnadenhof.

Bereits seit 20 Jahren ist sie Gassigängerin. »Die Hunde geben mir viel zurück«, schwärmt sie. »Oft bin ich gestresst, wenn ich ankomme, aber beim Spazierengehen kann ich entspannen.«

Nachdem Kraft die Hunde im Außengehege begrüßt hat, führt ihr Weg zu einem Stall. Dort ist auch Kangal Bullut untergebracht. Er muss in seiner Box bleiben. Er ist frisch operiert. Sein Schwanz wurde amputiert. Er hat ihn bis auf die Knochen kaputtgebissen. Warum, wissen die Pfleger nicht.

Einige Boxen sind leer. Die Hunde sind mit anderen Ehrenamtlichen unterwegs. »Die Helfer sind eine große Bereicherung für uns und die Tiere«, sagt Tierpflegerin Tatjana Antoncev. »Dank ihnen können wir uns auf das Füttern und Saubermachen oder die Versorgung kranker Tiere konzentrieren.«

Tierarztbesuche gehören zum Alltag der Mitarbeiter. »Die Tiere kommen oftmals aus sehr schlechten Verhältnissen zu uns, wurden geschlagen, sind ungepflegt oder krank«, sagt Antoncev. Wie Schnitzel und Kotelett. Ein Unbekannter hatte die Hängebauchschweine mit einem Spaten angegriffen und sie schwer verletzt. Kotelett starb, doch Schnitzel konnte gerettet werden und durfte auf dem Gnadenhof einziehen.

Nicht jede Vermittlung ist ein Erfolg

Doch die Mitarbeiter können nicht allen Tieren helfen: Bei Hund Balu wurde wenige Tage nachdem er auf den Gandenhof gekommen war ein Tumor diagnostiziert. Er starb kurz darauf. »Wir müssen uns mindestens einmal im Monat von einem Tier verabschieden«, sagt Antoncev. »Zum Glück haben uns die Tiere bisher immer zu verstehen gegeben, wenn es ihnen nicht gut geht, sodass sie uns die Entscheidung quasi abgenommen haben.«

Kraft versucht, täglich mit so vielen Hunden wie möglich Gassi zu gehen. Dabei hat jeder Hund eigene Ansprüche: »Mit Hogan muss ich immer einen bestimmten Weg gehen. Will ich den ändern, protestiert er«, sagt sie lachend. »Er wiegt über 50 Kilo, den bekomme ich nicht von der Stelle, wenn er nicht will.« Kaukaser Hogan wurde bereits als Welpe abgegeben, die Tierpfleger zogen ihn mit der Flasche auf. Er wurde schon einmal vermittelt. Doch in seinem neuen Zuhause fühlte er sich nicht wohl, wurde bissig. Das machte der Familie mit kleinen Kindern Angst. Hogan musste auf den Gnadenhof zurückkehren.

Als Kraft sich auf den Heimweg macht, kommen Hogan und Kenai wieder ans Gitter gelaufen und blicken ihr nach. Auch Kraft fällt der Abschied schwer. Doch zu Hause warten ihre eigenen Hunde. Und morgen kommt sie wieder.



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