07. September 2018, 17:00 Uhr

Energiegenossenschaft

Für eine Energiewende ohne »Kapitalgeier«

Die Mittelhessische Energiegenossenschaft treibt zwischen Frankfurt und Gießen die Energiewende voran. Wie Vorstand Diethardt Stamm sagt, kann man damit sogar gutes Geld verdienen – sofern man kein Großinvestor ist.
07. September 2018, 17:00 Uhr
Auf dem Dach des Rodheimer Sportzentrums wird seit fast sechs Jahren Strom erzeugt. (Archivfoto: sky)

Der sonnige Sommer war eine guter für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Sporzentrums in Rodheim. Die Anlage gehört der Mittelhessischen Energiegenossenschaft (MiEG) und ging 2013 in Betrieb. 2017 lieferte sie rund 96 000 Kilowattstunden Strom ins Netz der Ovag. Insgesamt produzierte die Anlage 121 000 Kilowattstunden. Das reicht für mehr als 30 Durchschnittshaushalte. In diesem Jahr sei die Produktion um 15 Prozent höher gewesen als im vergangenen, sagt MiEG-Vorstand Diethardt Stamm zufrieden. Auf einem Bildschirm im Foyer kann man die aktuelle CO2-Einsparung verfolgen. Installiert wurde sie von einem Unternehmen aus Butzbach. »Wir vergeben unsere Aufträge nur an regionale Handwerker und nicht an den billigsten«, sagt Stamm, der sich früher für die Grünen engagiert hat. Die Photovoltaik-Anlage zu erreichen, ist etwas mühsam. Auf einer Metallleiter muss man etliche Sprossen hinauf aufs Dach klettern.

Oben angekommen, liegen 16 Reihen der dunklen Module vor einem. Stamm schreitet einen der Strings ab, wie die in Reihe geschalteten, miteinandere verbundenen Solarmodule heißen. Immer wieder rupft er vertrocknete Pflänzchen aus dem Boden, die über die Module gewachsen sind und kleine Schatten werfen. Nehme das überhand, könne ein Modul sogar ausfallen, erklärt Stamm. »Wenn eins ausfällt, fällt die ganze Reihe aus.« In der Regel steigen Stamm und andere Mitglieder der Genossenschaft einmal im Jahr hier hoch und entfernen das Unkraut, damit ihr Beitrag zur Energiewende nicht getrübt wird. Sollte in der Zwischenzeit doch etwas nicht funktionieren, wird das auf dem Computer eines MiEG-Mitglieds im 35 Kilometer entfernten Büdingen angezeigt.

 

Grenze bei 100 Euro

 

33 Frauen und Männer haben die Genossenschaft im April 2011 in Bad Nauheim gegründet. Mittlerweile hat sie rund 560 Mitglieder, darunter Bürger, Kommunen und Betriebe aus Süd- und Mittelhessen, und ist damit die zweitgrößte Energiegenossenschaft in Hessen. Sie steht allen offen, die sich am Ausbau der regenerativen Energien im Wetteraukreis, Vogelsbergkreis und dem Landkreis Gießen beteiligen wollen. Wer 100 Euro zahlt, kann einen Geschäftsanteil erwerben und Mitglied werden. Die MiEG hat im vergangenen Jahr bei diesem Betrag eine Grenze gezogen. Investoren, die nur der Rendite wegen mitmachen wollen, soll sie auf diese Weise unattraktiv sein. So habe man vor einiger Zeit beispielsweise einem Investor aus München abgesagt, der gleich mit 50 000 Euro einsteigen wollte, sagt Stamm. »Wir halten uns die Kapitalgeier fern.«

Wir halten uns die Kapitalgeier fern

Diethardt Stamm

 

Bei den im Landtag vertretenen Parteien findet sich zumindest in den Wahlprogrammen von SPD, Grünen und Linken die Ankündigung, solche regionalen Genossenschaften unterstützen zu wollen. Seit 2013 geschieht dies bereits über das Landesnetzwerk Bürger-Energiegenossenschaften, in dem sich 31 Unternehmen zusammengeschlossen haben. Das Land fördert das Netzwerk laut einem Sprecher des hessischen Wirtschafts- und Energieministeriums für sechs Jahre mit rund 450 000 Euro. Es half auch, eine professionelle Struktur aufzubauen. Die einzelnen Genossenschaften profitierten von der Arbeit des Landesnetzwerks durch Fachinformation, Beratungen, Workshops und Unterstützung, wenn es darum geht, neue Geschäftsfelder zu erschließen, so der Ministeriumssprecher.

Seit Gründung hat die MiEG 37 Projekte realisiert; 2017 konnte sie dadurch nach eigenen Angaben rund 652 Tonnen CO2 einsparen. Es sind hauptsächlich Photovoltaik-Anlagen wie die in Rodheim, mit denen die Genossenschaft eine solche Ökobilanz erzielt. Der Vorteil: Anders als Windräder können Privatleute die Solaranlagen auf dem Balkon installieren. Darauf zielt die jüngste Kampagne der MiEG. Für Balkone und Terrassen gebe es mittlerweile günstige Anlagen mit zwei Modulen. »Lange Zeit war das in Deutschland nicht erlaubt, aber das hat sich nun geändert«, so Stamm. Und nach acht Jahren habe sich eine Anlage mit zwei Modulen amortisiert. Ein lohnendes Investment, findet der Münzenberger. Im Oktober will die MiEG darüber bei Veranstaltungen in Bad Vilbel und Altenstadt informieren.

Info

An Windpark beteiligt

Neben der Fotovoltaik, deren Ausbau 2017 nach jahrelangem Rückgang hessenweit wieder zulegen konnte, beteiligt sich die MiEG unter anderem an einem Windpark mit drei Anlagen in Gedern-Wenings, im April in Betrieb gegangen. Sie hat ein Rabattabkommen mit einem Automobil-Unternehmen, um ihre Mitgliedsunternehmen bei der Anschaffung von Elektrofahrzeugen zu unterstützen. Außerdem baut sie das Energieeffizienz-Netzwerk Wetterau mit auf. Man wolle Unternehmen und Organisationen dabei helfen, Einsparpotenziale zu nutzen, um schädliche CO2-Emissionen zu reduzieren. Die Bürgerbeteiligung beim Ausbau der Windkraft müsse gestärkt werden. Das Land, so MiEG-Vorstand Diethardt Stamm, könne die Regierungspräsidien als die Genehmigungsbehörden auffordern, entsprechende Anlage eher zu genehmigen, wenn Bürger an dem Projekt beteiligt seien.

 

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