14. November 2019, 08:00 Uhr

Bauprojekt

Friedhoferweiterungsfläche: Altlasten als Unbekannte

Das Bad Nauheimer Parlament hat die Basis für die umstrittene Bebauung am Friedhof Nieder-Mörlen geschaffen. Ob dort eines Tages tatsächlich Wohnungen entstehen, ist allerdings keineswegs sicher.
14. November 2019, 08:00 Uhr
Wie viel und welcher Müll schlummert in der ehemaligen Deponie unter der Friedhoferweiterungsfläche? Diese Frage dürfte erst im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens beantwortet werden. (Foto: Nici Merz)

Zurzeit ist die städtische Wohnungsbau-Gesellschaft (Wobau) mit ihren Projekten in der Dieselstraße und in Bad Nauheim Süd voll ausgelastet. Ein neues, kleines Wohngebiet nördlich des Friedhofs von Nieder-Mörlen mit 45 Einheiten in Mehrfamiliengebäuden und zehn Einfamilienhäusern zu entwickeln, dürfte die Wobau derzeit überlasten. Diese Gefahr besteht allerdings nicht, denn bis dort die Bagger anrücken können, werden noch einige Jahre ins Land gehen (siehe weiteren Bericht).

Bislang gibt es lediglich den von einer knappen Mehrheit getragenen Grundsatzbeschluss der Stadtverordneten. Er fußt auf einer Studie der Stadtverwaltung zu diesem Thema. Danach kann auf dem Areal prinzipiell Wohnraum geschaffen werden, auch bezahlbarer. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür sind gegeben. Nähere Untersuchungen, ob und unter welchen Bedingungen die Friedhoferweiterungsfläche bebaut werden kann, stehen noch aus. Unter anderem wird ein Verkehrsgutachten notwendig sein, die Bürgerinitiative, die sich gegen das Projekt wehrt, befürchtet eine deutliche Überlastung der Friedhofstraße.

Außerdem stellt sich die Frage der Altlasten, die einst auf dem Gelände abgelagert wurden. »Im Rahmen der Studie haben wir auf eine Untersuchung verzichtet, um keine unnötigen Kosten zu verursachen«, sagte Bürgermeister Klaus Kreß am Rande der jüngsten Parlamentssitzung. In der letztlich gebilligten Beschlussvorlage ist von einer ehemaligen Bauschuttdeponie an dieser Stelle die Rede, die Entsorgungskosten wurden auf 500 000 Euro geschätzt. Näheres ist laut Kreß nicht bekannt, genauere Untersuchungen müssten im Rahmen des B-Plan-Verfahrens erfolgen.

Viel mehr als Bauschutt

Ronald Henneke, Inhaber des gleichnamigen Autohauses in Nieder-Mörlen, kann nicht verstehen, dass dem Thema Altlasten in der bisherigen Debatte kaum Beachtung geschenkt worden sei. »In den 1950er und 60er Jahren war dort die Mülldeponie von Nieder-Mörlen. Nicht nur Bauschutt, alles Mögliche haben die Bürger dort abgekippt«, sagt Henneke. Als Kind habe er mit seinen Freunden auf dem Gelände gespielt und mitbekommen, was dort entsorgt worden sei. Später seien die Abfälle einfach mit Erde zugeschüttet worden. »Wer will schon auf einer ehemaligen Müllkippe wohnen? Das muss sehr genau untersucht werden«, ist der Geschäftsmann aus Nieder-Mörlen überzeugt.

BI-Sprecherin Anne Schneider teilt die Ansicht Hennekes. »Auf der Deponie sind auch Dinge wie alte Autos und Kühlschränke gelandet. Außerdem soll es dort einst eine Ziegelei gegeben haben.« Neben der Zerstörung einer gefragten Grünzone und der negativen Auswirkung auf Verkehr und Infrastruktur des Stadtteils sprächen die Altlasten gegen Wohnbebauung am Friedhof.

BI will Bäume pflanzen

Wenige Tage nach der Parlamentsentscheidung hatten sich einige BI-Mitglieder getroffen, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Schritte wie eine rechtliche Prüfung des Bauvorhabens oder ein Bürgerbegehren behalten sich die Projektgegner vor, es gibt aber diesbezüglich keine konkreten Überlegungen. »Ein Bürgerentscheid dürfte kaum Erfolg versprechend sein, weil sich Bewohner der anderen Stadtteile kaum für dieses Problem interessieren«, sagt die BI-Sprecherin. Zunächst wollen die Bürger aktiv werden, um den »Friedhofspark« weiter aufzuwerten. Bäume sollen gepflanzt, Blumenbeete angelegt, mehr Bänke aufgestellt werden. Schneider rechnet mit einer Genehmigung durch die Stadt.

Der Widerstand werde auf jeden Fall anhalten. »Den Beschluss mit einer Mehrheit von nur drei Stimmen akzeptieren wir nicht. Der Park wird erhalten bleiben«, betont die BI-Sprecherin. Besonders enttäuscht ist sie vom Verhalten der Grünen, die sich einerseits für Natur- und Klimaschutz einsetzten, aber andererseits für das Zubetonieren von Grünflächen stimmten. »2021 ist Kommunalwahl. Sie glauben doch nicht, dass CDU und Grüne in Nieder-Mörlen noch einen Fuß auf die Erde bekommen.«

Viel Zeit erforderlich

Nach der Abstimmung über die Bebauung der Friedhoferweiterungsfläche in Nieder-Mörlen hatte Bürgermeister Klaus Kreß, der strikt gegen die Pläne ist, eine möglichst schnelle Umsetzung des Beschlusses angekündigt. Zügig dürfte das Projekt aber kaum zu realisieren sein. Zum einen ist eine Änderung des Flächennutzungsplans (FNP) für die Region Südhessen erforderlich, in dem das Gebiet bislang nicht für Wohnungsbau ausgewiesen ist. Das neue Baugebiet im Rahmen der Erarbeitung eines komplett neuen FNP einzufügen, hält Kreß nicht für sinnvoll. »Der neue Flächennutzungsplan wird vermutlich erst 2022 oder 2023 vorliegen. So lange möchte ich nicht warten.«

Auch die FNP-Änderung könnte allerdings zwei Jahre in Anspruch nehmen. Dann müsste der Bebauungsplan aufgestellt werden, was wieder einige Zeit dauert. Im Lauf des Verfahrens sind einige weitere Abstimmungen erforderlich. Bleibt abzuwarten, ob die knappe Mehrheit für die Bebauung dann weiter existiert. Wahrscheinlich kann frühestens in drei Jahren mit einer Bebauung der Friedhoferweiterungsfläche begonnen werden.

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