23. November 2017, 11:00 Uhr

Im WZ-Interview

Friedbergs Bürgermeister Michael Keller nimmt "Abschied aus eigener Kraft"

Er hat die Kreisstadt in den letzten 20 Jahren wie kaum ein anderer geprägt. Bürgermeister Michael Keller (67) tritt von der politischen Bühne Friedbergs, auf der er 45 Jahre stand, ab.
23. November 2017, 11:00 Uhr
Er brauche jetzt eine Abkühlungsperiode, sagt Bürgermeister Michael Keller (SPD). Steigt er so richtig ins Rad-Training ein, um seiner Frau Susanne über den nächsten Alpenpass folgen zu können, wird es freilich ein heißes Pensionärsdasein. (Foto: Loni Schuchardt)

Herr Keller, Sie strahlen eine große Gelassenheit aus. Spüren Sie, dass Ihnen eine Last von den Schultern fällt?

Michael Keller: Die Entscheidung, aus eigener Kraft aus einem politischen Amt zu gehen, ist eine gute Entscheidung. Und die bewirkt dann auch diese Gelassenheit. Aber ich sage ausdrücklich: Aus eigener Kraft.

Können Sie loslassen?

Keller: Das ist nicht immer einfach. Aber es gehört auch zur Qualität eines Politikers dazu, aus eigener Kraft loslassen zu können.


Großer Wurf mit Schrammen


Etliche Projekte sind nicht abgeschlossen, siehe Kaiserstraße und Kaserne. Fällt es da leicht, Abschied zu nehmen?

Keller: Zum einen ist es immer so, dass ein Bürgermeister seinem Nachfolger Projekte übergibt, und zum anderen habe ich diese Projekte überhaupt erst angefangen. Ich war der erste, der auf der Kaiserstraße mit dem Elvis-Presley-Platz einen großen Wurf gelandet hat, mit allen Schrammen, die das hinterlassen hat. Ob’s leicht fällt? Ich hätte die Konversion gerne weitergemacht.

Die Kaserne ist die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Keller: Wir, und damit meine ich die Stadt, haben mit der Entwicklung der Housing Area ja gezeigt, wie’s geht: Man muss eine eigene planerische Idee haben. Die lautet: Entwicklung der THM in der Housing, Platz für Gewerbe und Wohnungen. Das sind die drei wichtigsten Dinge: Arbeit, Bildung und Wohnen. Dann muss man natürlich, was uns bei der Housing gelungen ist, die richtigen Partner finden. Alleine kann die Stadt das nicht.

Sie haben den Prozess angestoßen, Sie haben die Verbindungen zu potenziellen Partnern. Können Sie sich vorstellen, die Kasernenentwicklung in irgendeiner Form weiter zu begleiten?

Keller: Wenn man auf mich zukommt, aber auch nur dann, werde ich mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.


Kampf mit den Befindlichkeiten
 

Stichwort Kaiserstraße: Es gab Jahre lang Streit mit Geschäftsleuten, Sie wurden immer wieder kritisiert. Hätten Sie diplomatischer vorgehen sollen?

Keller: Nein, ausdrücklich nicht. In der Kaiserstraße gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wenn man das langsamste Tempo einschlägt, wird das nichts. Die Stadt muss die öffentlichen Flächen machen, Privatleute müssen sich um ihre Flächen kümmern. Das haben einige beispielhaft gemacht und die anderen müssen es auch tun, sonst bekommen sie Probleme. Wir müssen gemeinsam eine gute Kaiserstraße entwickeln. Dass da Befindlichkeiten mit drin sind, ist klar. Aber wir haben mit dem Elvis-Presley-Platz gezeigt, was machbar und sinnvoll ist. Von dem einen oder anderen Geschäftseigentümer hätte ich mir da mehr Aktivität gewünscht.

Viele Friedberger sind sauer über die Planungen zum Schallschutz. Was ist da schiefgelaufen?

Keller: Da ist gar nichts schiefgelaufen, da stehen unterschiedliche Werte gegeneinander. Einmal der Wert des Schulwegs, der von Verwaltung und Polizei als sehr hoch eingeschätzt wurde und zum anderen der Schallschutz. Das ist ein typischer Konflikt mit unterschiedlichen Sichtweisen.

Sie haben oft Gegenwind bekommen. Was hat Sie am meisten getroffen?

Keller: Getroffen hat mich der mangelnde Respekt. Wir als Stadt nehmen die Bürgern ernst. Der Ton hat sich aber teils in einer unguten Art und Weise verändert. Während der Flüchtlingskrise habe ich massive Drohungen bekommen, bis hin zu Morddrohungen. Das sind Sachen, die außerhalb jedes vernünftigen Umgangs stehen. Wir Politiker können keine Wunder vollbringen. Wir müssen Entscheidungen treffen, nicht jeder Bürger ist dann begeistert. Die Qualität eines Bürgermeisters zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er jedem Recht gibt, sondern dass er Entscheidungen trifft. Das hat übrigens mein Vorvorgänger Dr. Ludwig Fuhr gesagt.


"Die SPD ist noch meine Partei"
 

Die Kommunen müssen ausbaden, was Bund und Land vorgeben. Das sind auch Vorgaben ihrer Partei, siehe die Flüchtlingskrise. Ist die SPD noch ihre Partei?

Keller: Die SPD ist noch meine Partei, das wird sich auch bei der Verabschiedung zeigen. Aber keine Frage: In der Flüchtlingsproblematik hat die SPD nicht rechtzeitig gesehen, was ich vor Ort gespürt habe: Die Zerrissenheit der Gesellschaft. Die SPD muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Teil ihres Klientels von Mindestlohn, Wohnungspolitik und Steuererhöhungen massiv betroffen ist und deswegen die Flüchtlingsproblematik anders gesehen hat als der linksliberale Teil. Es ist, wie es Gerhard Schröder gesagt hat: Das Herumlaufen mit »Refugees welcome«-Buttons hat die einen begeistert und die anderen zutiefst getroffen.

Sie haben jetzt viel Freizeit. Wie füllen Sie die?

Keller: Ich brauche jetzt erstmal so etwas wie eine Abkühlungsperiode. Ich bin 40 Jahre bei der Stadt Friedberg, davon 20 Jahre hauptamtlich. Ich bin jetzt raus aus dem »Hamsterrad« des Bürgermeisters, meine Frau und ich können über unsere Zeit selbst verfügen. Nach 20 Jahren ist das etwas ganz außerordentliches.

Sie reisen gerne. Was ist das nächste Ziel?

Keller: Hongkong. Unser Sohn arbeitet dort, das Silvester-Feuerwerk vom Schiff aus ist schon gebucht.

Sie haben aber auch mehr Zeit für Fahrrad-Training. Das Ziel könnte sein, unfallfrei zu bleiben und den Leistungsstand Ihrer Frau zu erreichen. Ist das drin?

Keller: (lacht): Ja, aber erstmal muss ich dankbar sein, dass ich überhaupt diesen Leistungsstand habe, mit fast 68. Meine Frau ist im Augenblick fitter. Aber es geht nicht nur um das Sportliche, es geht auch um geistige Dinge. Wir werden da mit Sicherheit viele Möglichkeiten nutzen, die wir in den letzten 20 Jahre nicht nutzen konnten.

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