25. Oktober 2019, 19:17 Uhr

Fotografieren streng verboten

25. Oktober 2019, 19:17 Uhr
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Aus der Redaktion
S. Wittenburg

. Eine besonders eindrucksvolle Geschichtsstunde erlebten die zukünftigen Abiturienten und Abiturientinnen der St.-Lioba-Schule, als der ehemalige DDR-Bürger Siegfried Wittenburg als Zeitzeuge über seine Erfahrungen mit der Stasi referierte. Wittenburg, der auf Einladung der Geschichtslehrerin Dr. Brigitte Wavra gekommen war, besuchte das Gymnasium bereits zum zweiten Mal, dieses Mal war die Veranstaltung anlässlich des 30-jährigen Mauerfalls von der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung unterstützt worden.

Der aus einem systemkritischen protestantischen Elternhaus in Rostock-Warnemünde stammende Wittenburg, der als Feinmechaniker arbeitete, entdeckte mit 15 Jahren das Fotografieren als seine Passion und vervollkommnete es auto-didaktisch, sodass seine Fotos bald künstlerische Formen annahmen. Als Mitglied des Betriebsfotozirkels sollte er eigentlich die Errungenschaften des Sozialismus dokumentieren. Da seine Fotos aber auch heruntergekommene Betriebe, trostlose Plattenbausiedlungen und lange Warteschlangen vor den Geschäften zeigten, geriet er in das Visier der Stasi. Wittenburg musste nicht nur berufliche Nachteile in Kauf nehmen, sondern befand sich unter ständiger Beobachtung von inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit.

Wie stark und engmaschig diese war, wurde ihm allerdings erst nach dem Ende der DDR bewusst, als er nach Einsichtnahme in seine Akte erfuhr, dass neben Kollegen im Betrieb ihn selbst enge Freunde bespitzelt hatten. Dies geschah zum Teil unfreiwillig unter Drohungen der Stasi gegenüber deren Familien. Ungemein beeindruckt und sehr betroffen vom Ausmaß der Bespitzelung folgten die Schüler und Schülerinnen den Ausführungen Wittenburgs, denen seine Fotos und eingefügte Zitate aus seiner Akte Lebendigkeit und Authentizität verliehen. Wittenburg versäumte es nicht, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen und warnte die Jugendlichen vor einem allzu nachlässigen Umgang mit persönlichen Daten in den digitalen Medien. Einer Überwachung des Einzelnen, die alle Methoden der Stasi in den Schatten stelle, sei heute Tor und Tür geöffnet, wie man zum Beispiel in China sehen würde. So appellierte er an seine jungen Zuhörer, sich für eine starke Demokratie einzusetzen, die für die Freiheitsrechte des Individuums Sorge trage, um Missbrauch zu verhindern. (Text: Dr. Brigitte Wavra/Foto: pv)



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