01. Juli 2019, 19:02 Uhr

Finsterer Dompropst treibt sein Unwesen

01. Juli 2019, 19:02 Uhr

»Warum bin ich nicht aus Stein?!« Mit diesem verzweifelten Ausruf stirbt Quasimodo, der Glöckner von Notre Dame, von eigener Hand an der Seite der unglücklich geliebten Esmeralda. Kurz zuvor hat er den dämonischen Dompropst Claude Frollo, der für den Tod der schönen Zigeunerin verantwortlich ist, von den Zinnen der Kathedrale in die Tiefe gestürzt.

Mit diesem dramatischen Geschehen endet eines der berühmtesten Werke der Romanliteratur - Victor Hugos 1831 erschienenes dramatisches Epos »Notre-Dame de Paris. 1482«. Die Handlung spielt während der Regierungszeit Ludwigs XI. - bei Hugo eine unberechenbare, finstere Gestalt.

Wie lässt sich der dickleibige Foliant, ohne das Verständnis der Handlung zu beeinträchtigen, in wenig mehr als neunzig Minuten als Drama auf die Bühne bringen? Das Hessische Staatstheater Wiesbaden und das Theater Rayo (beide bereits mehrmals zu Gast in Friedberg) haben den Versuch am vergangenen Donnerstagabend im Theater Altes Hallenbad gewagt. Langanhaltender Beifall des in großen Scharen erschienenen Auditoriums war beredtes Zeugnis für die erfolgreiche Bewältigung dieser großen dramaturgischen Herausforderung.

Ein kleiner Schönheitsfehler

Im »einzigartigen Ambiente« (so Regisseur Ulrich Zaum bei seiner Begrüßung) der ehemaligen Schwimmhalle haben Michel Klein, Klaus Krückemeyer und Sebastian Muskalla mit über einem Dutzend selbstgefertigter Handpuppen (nach zeichnerischen Vorlagen Hugos) den Roman als groteskes Schauerdrama auf die von gemalten Wasserspeiern umrahmte große Puppenbühne gebracht. Mit der Umdeutung des Dämonischen ins Groteske wird der Handlungssinn des Romans nicht verfehlt. Der Zuschauer erhält dadurch die Möglichkeit, dort zu lachen, wo es dem Leser eher unheimlich wird - wenn zum Beispiel der finstere Dompropst sein Unwesen treibt.

Die Romanfiguren werden - mit Ausnahme Quasimodos und der schönen Esmeralda - allesamt der Lächerlichkeit preisgegeben. Damit läuft die Inszenierung - dies als einzige Kritik - zuweilen Gefahr, die Handlung zur Farce abgleiten zu lassen. Aber dieser »Schönheitsfehler« wird durch das professionelle, faszinierende Agieren der drei Herren mit den trotz ihres hässlichen Aussehens so menschlich, so lebensecht daherkommenden Handpuppen mehr als wettgemacht. Es ist einfach eine Lust, diesem grotesken Spiel zuzuschauen.

Der erfolglose Dichter Pierre Gringoire (er tritt »leibhaftig« auf) übernimmt, gleichsam nebenbei, die Rolle des Erzählers - ein so einfacher wie gelungener dramaturgischer Kunstgriff. Der Möchtegern-Poet gerät in die Fänge der »Truands«, einer berüchtigten Verbrecherbande, und wird von Esmeralda vor dem Strick gerettet. Klaus Krückemeyer beeindruckt durch exzentrisches Spiel mit vollem Körpereinsatz. Ludwig XI., als langnasige Witzfigur auf seinem Thron sitzend, ist Herr über Leben und Tod. Frollo, der schönen Esmeralda hoffnungslos verfallen, überredet ihn, sie als Hexe verbrennen zu lassen, was Quasimodo durch ihre Entführung in die Kathedrale, unterstützt von den »Truands«, in letzter Minute verhindern kann. Aber der Bucklige setzt vergeblich auf die Einhaltung des »Kirchenasyls«. Frollo - bei Hugo Repräsentant des ihm verhassten katholischen Klerus - bricht das geheiligte Recht; Esmeralda gerät endgültig in die Krallen der Inquisition und stirbt den Feuertod. Trauriger Abgesang: Siehe oben.

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