17. September 2019, 20:56 Uhr

»Fifty Shades of Grey« auf Schwäbisch

17. September 2019, 20:56 Uhr
Er sagt, was er denkt, und kann ziemlich gut lästern: Nektarios Vlachopoulos. (Foto: im)

»Frag den Zeugen Jehovas, ob er mal eine Minute Zeit für dich hätte.« »Sag deinem Chef, er sei viel zu hübsch, um so hart zu arbeiten.« »Ruf bei der Telekom an und erkundige dich, ob es o.k. ist, wenn du das Gespräch zu Schulungszwecken aufzeichnest.« Das vollkommen Unerwartete, das Unkalkulierbare, Widersprüchliche und Entlarvende hat sich der Slam-Poet und Kabarettist Nektarios Vlachopoulos - »50 Prozent Grieche und 100 Prozent Deutscher« - mit seinem neuen Programm »Ein ganz klares Jein« auf die Fahnen geschrieben. Nach einer kurzen, eher etwas verhaltenen Warm-up-Phase in Teil eins überzeugte der sympathische Anfangdreißiger, der schonungslos mit seinen eigenen Unsicherheiten spielt, auf der ganzen Linie und sorgte somit im Parksaal von Bad Salzhausen für einen würdigen Auftakt von »Nidda satirisch«.

»Ich bin Atheist - Gott sei Dank!« umriss die Bandbreite der Unberechenbarkeiten des Abends ebenso wie der Besuch des mehrfach preisgekrönten Poetry-Slammers in einer Raver-Bar unter dem Motto »Ich bin zu alt für diesen Scheiß«, der Versuch, Sex in stabiler Seitenlage und unter Berücksichtigung der Datenschutzgrundverordnung durchzuführen oder die erotischen Dialoge aus »Fifty Shades of Grey« ins Schwäbische zu übertragen.

»Jein ist eine Haltung - meint die Fähigkeit: Widersprüche und komplexe Sachverhalte auszuhalten, statt sich in Dogmen, Extremismen und nur scheinbar einfache Lösungen zu flüchten«, so brachte der »ehemalige Deutsch- und Englischlehrer mit griechischem Integrationshintergrund« das tiefere Anliegen seines Programms eindrücklich auf den Punkt und reflektierte zugleich hellsichtig eine Zeit, die oft der Versuchung des Schwarz-Weiß und Gut-Böse erliegt und durch Fake News, Egotrips einzelner Mächtiger, Klimafragen, zunehmende Aggressivität im Alltag und das korrekte Freihalten einer Rettungsgasse überfordert wird. Dazwischen taumelt das Individuum, das diverse öffentliche Masken trägt, um im Alltag zurechtzukommen - von Vlachopoulos eingangs durch eine Pandamaske im Stil des Rappers Cro karikiert - tatsächlich aber ein zweites Gesicht besitzt, das es nur Familie und Freunden zeigt, und schließlich ein drittes, dessen Existenz es sich selbst kaum eingesteht. Höchste Zeit, gemäß dieser asiatischen Weisheit von den drei Gesichtern auch zum eigenen Inneren zu stehen. »Gib dem inneren Höhlenmenschen ein Revier«, ermunterte Vlachopoulos seine Zuhörer und warf sich augenblicks in die nächste anarchisch-philosophische Wortkaskade.

In der Umkehr und unter der Lupe wurde die Brutalität so mancher Plattitüde deutlich, nahm Vlachopoulos die Arroganz von Rucksacktouristen ebenso aufs Korn wie die Romantisierung von Natur und Wildnis oder die weitverbreiteten Definitionen von Erfolg und Glück über den Kontostand.

Sternstunden waren ohne Zweifel die Slam-Einheiten, in denen der Kabarettist zum Dichter wurde und virtuos auf der Woge seiner geschliffenen Verse surfte: gnadenlos bis elegisch, wo es um das eigene Deutschlandverhältnis zwischen Liebe, Leid und Ernüchterung ging, witzig bis sinnlos in der abschließenden »Vokaltragodie für fünf Vokale und drei Diphtonge«. Begeisterter Applaus belohnte den Künstler und einen gelungenen Auftakt der neuen Saison von »Nidda satirisch«.

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