26. Dezember 2018, 20:17 Uhr

Festsaal als G.I.-Mannschaftsclub

26. Dezember 2018, 20:17 Uhr
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Von Bernd Klühs , 1 Kommentar
Einfache Soldaten genießen den Luxus: Im Hotel-Festsaal werden G.I.s der Arbeits- und Wachmannschaften sowie Mitarbeiter der technischen Abteilung verpflegt.

In der bevorzugten Lage der vorderen Kurstraße und damit unmittelbar am ersten Kurbereich des jungen Solebades entstanden um 1857 mehrere kleinere Wohnhäuser. Richard Langsdorf, der Enkel eines Häuslebauers, wechselte 1884 ins Logiergewerbe und gründete »Langsdorf’s Sprudel Hotel«. Nach dem Erwerb eines Nachbargebäudes, der Aufstockung und dem Bau einer prächtigen Außenfassade präsentiert sich das Hotel in den Glanzzeiten vor dem Ersten Weltkrieg mit 85 Zimmern und dem »größten Hotel-Restaurant« im örtlichen Fremdenführer. In der Tat konnte sich der Festsaal im Erdgeschoss sehen lassen. Hier spielte sich ein Teil des geselligen und kulturellen Lebens der Nauheimer Bürger-Elite ab. Der Karnevalsverein Concordia lud dort zu Sitzungen und Maskenbällen ein. Der Vortrags- und Musikverein unter Bürgermeister Dr. Kayser nutzte den Saal für seine Veranstaltungen. Dr. Reinhard Streckers Volksbildungsverein tat es ihnen gleich. Auch Theateraufführungen und Konzerte fanden statt.

Nach Besitzerwechseln etablierte sich ab 1921 die Hoteliersfamilie Krauss in dem gut geführten Haus und baute dessen Ruf weiter aus. Nach guten Jahren beschlagnahmte im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die Deutsche Wehrmacht das Gebäude und unterstellte es zusammen mit acht weiteren Hotels dem Reservelazarett I.

Endlich wieder saubere Betten

Die nachfolgende Besetzung durch die Amerikaner ließ nach dem Einrücken im März 1945 wohl nicht lange auf sich warten. Das Sprudelhotel diente als eines der Wohnquartiere für die Hundertschaften der G.I.s aus den Arbeits- und Wachmannschaften und der technischen Abteilung. Ein Zeitzeuge, der Südstaaten-Junge Ellis Titche, seit August 1945 in Bad Nauheim stationiert, erinnerte sich an sein Quartier im Haus Columbia, Parkstraße 12, mit endlich wieder sauberen Betten und deutschem Dienstpersonal. Er bezog mit seinem Freund »Smiley« im 2. Stock das Eckzimmer zur Parkallee hin und konnte beim Blick aus dem Fenster die vorübergehenden Passanten beobachten.

Zum Essen ging es in den Mannschaftsclub des Sprudelhotels, nur einen Häuserblock entfernt. Er ist begeistert von diesem Luxusleben und schreibt weiter: »Das Beste: unsere Mahlzeiten im hoteleigenen Speisesaal. Alles, was wir zu tun hatten, war hinzugehen und Platz zu nehmen an einem der blumengeschmückten Vierer-Tische. Hübsche deutsche Frauen servierten uns bei Walzer-Musik, ich konnte es kaum glauben. Alles wie in Friedenszeiten für die normalen Hotelgäste. Wir fühlten uns wie Könige und waren drauf und dran in das Anwerbebüro zu gehen und uns – angesichts solchen Luxus – für weitere 30 Jahre zum Armeedienst zu verpflichten.«

Während Titches Träumereien schon im November des gleichen Jahres mit dessen Rückkehr in die Heimat endeten, blieb das Hotel insgesamt bis zum Juli 1952 besetzt. Danach wagte eine jüngere Generation der Hoteliersfamilie Krauss den Neubeginn. Nach der notwendigen Abgabe von westlich gelegenen Gebäudeteilen begannen umfangreiche Modernisierungsarbeiten. Mit einem auf 20 verkleinerten Zimmerkontingent starteten Mutter und Tochter Krauss 1953. Die WZ lobte den »Mut und die Initiative der beiden Frauen, das Hotel trotz aller Schwierigkeiten wieder seiner früheren Bestimmung zuzuführen und den guten Ruf des Hauses aufs neue zu begründen«.

Streit mit Denkmalschützern

Noch etwa zwanzig Jahre bestand das Sprudelhotel und erlebte das rasante Wiedererstarken des Bad Nauheimer Kurwesens. Anfang der siebziger Jahre ging die Hoteltradition zu Ende. Unter einem Investor wurde begonnen, den gesamten Gebäudekomplex zugunsten eines modernen Wohn- und Geschäftshauses abzureißen. Nur die prächtige Fassade blieb zunächst stehen, da das Veto des Landeskonservators deren Erhalt forderte. Diese Geisterkulisse bescherte Bad Nauheim mehr als zehn Jahre lang eine Dauerruine und mit dem Prozessgeschehen eine deutschlandweit negative Medienwirksamkeit in Sachen Denkmalschutz. Erst 1984/85 einigten sich die Parteien, und der Wiederaufbau des Hauses begann. Bei Erhalt der stadtbildprägenden Fassade entstanden dahinter moderne Wohnungen.

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