10. März 2018, 12:00 Uhr

»Vermisst!«

Feldpostbriefe entdeckt: Ein Koffer und viele Tränen

Ingrid Nein hat ihren Vater nie kennengelernt. Vermisst. Ostfront. Sie hat aber auch nichts über ihren Vater gewusst. Doch vor vier Jahren hat sie einen kleinen schwarzen Koffer überreicht bekommen.
10. März 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Es ist ein kleiner, sehr hübscher Lederkoffer. Schwarz. Darin: alte Briefe, alte Fotos, alte Dokumente. »Mir ist ganz schlecht geworden«, sagt Ingrid Nein. Vier Jahre ist es her, als die Bad Nauheimerin beim Besuch ihrer Schwägerin das Köfferchen in der Hand hält. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste sie nichts vom Köfferchen und nicht viel über ihren Vater Kurth.

 

Den Vater nie kennengelernt

Sie ist Anfang August 1943 geboren, hat ihren Vater nie kennengelernt, der am 2. Oktober 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben ist. Das hat die Familie erst im September 2002 erfahren. Bis dahin galt Kurth Kehrer als vermisst.

Es macht mich zwar sehr traurig. Aber ich lese die Briefe intensiv

Ingrid Nein

Ingrid Neins Mutter Hermine hatte mit Tochter Ingrid nie über ihren Gatten gesprochen. Der Vater, ein Unbekannter. Doch dann öffnet Ingrid Nein das Köfferchen. Sie findet darin Feldpostbriefe, die ihr Vater geschickt hat. »Er hat so schön geschrieben«, sagt Ingrid Nein und kämpft mit den Tränen. »Ich bin sicher, er war ein ganz Lieber.«

Eine leise Andeutung

»Meine liebe kleine Frau! Auch heute habe ich keine Zeile von Dir erhalten. Und so will ich Dir wenigstens ein Kärtchen senden. Eine leise Andeutung. Gell Mütterle! Es geht mir immer noch gut, und hoffe, dasselbe auch von Dir und unserem Bübchen. Herzliche Grüße und einen lieben Kuss von Deinem Kurth«

Ein intelligenter Mann

Das »Mütterle« im Feldpostbrief vom 15. Dezember 1942 ist eine Andeutung auf die Schwangerschaft von Ingrid Neins Mutter Hermine. Ihr Vater sei sehr glücklich gewesen, als er von der Schwangerschaft gehört habe, berichtet Ingrid Nein. Das weiß sie von Lili, der Schwester ihres Vaters. Und dass ihr Vater ein intelligenter Mann gewesen sei.

Einen Tag später, am 16. Dezember 1942 hat Feldwebel Kehrer einen weiteren Brief verfasst. Die Standard-Karte der Wehrmacht enthält gedruckte Zusatzinformationen.

 

Hitler-Zitat

»Bezeichnung der Truppenteile verboten« (...) »Als Dienstgrad nicht Schütze, Pionier (...), sondern nur Soldat, Gefreiter...« Auch Adolf Hitler kommt zu Wort mit einem Zitat, das dem 1. September 1939 zugeordnet wird. »Wenn unser Wille so stark ist, daß keine Not ihn mehr zu zwingen vermag, dann wird unser Wille und unser deutscher Stahl auch diese Not meistern.«

Dazwischen bedankt sich Kurth Kehrer für zwei Päckchen aus der Heimat.

 

Mein geliebtes Mütterle! Heute früh erhielt ich Deine beiden Päckchen mit Konfekt und Zigaretten und danke Dir recht herzlich dafür. Nach Feierabend werde ich Dir einen Brief schreiben. Bis dahin alles Gute und lauter innige Küsse von Deinem Männlein Kurth«

 

Nachricht aus Paris

Die nächste Karte ist vom 26. Januar 1943 aus Paris. Es ist eine französische Postkarte, verschickt mit der Feldpost. Sie zeigt als Motiv die Avenue des Champs Elysées.

 

Mein Geliebtes! Gegen 11 Uhr bin ich gut hier angekommen und fahre um 22 Uhr wieder weiter. Morgen werde ich am Ziel sein, und dann bekommst Du Deinen Brief. Sonst noch alles beim Alten!! Grüße und innige Küsse sendet Dir Dein Männlein Kurth.

 

An die Ostfront verlegt

Kurth Kehrer ist kurz in Paris. Dann wird seine Einheit an die Ostfront verlegt, in die Ukraine. Dort ist die Rote Armee auf dem Vormarsch. Ein großer Truppenteil der Heeresgruppe Süd wird im Kessel von Brody zerschlagen, ca. 8000 Soldaten starben bei den schweren Kämpfen im Sommer 1944.

 

Von seiner Zeit dort hat Ingrid Nein keine Briefe in dem Köfferchen gefunden. Aber ein Schreiben, datiert vom 20. September 1944.

 

Vermisst!

»Mir obliegt die schmerzliche Pflicht, Ihnen sagen zu müssen, daß Ihr lieber Mann, Feldwebel Kurth Kehrer, seit 22. Juli vermißt ist. (...) Da auch die Kameraden fehlten, kann auch über das Schicksal des Vermißten nichts Bestimmtes gesagt werden.«

 

Die Familie lebt seit diesem Tag in Ungewissheit. Ein wenig Hoffnung war da, denn bis in die 50er Jahre kehrten immer wieder Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Kurth Kehrer gehörte nicht dazu.

Harte Kindheit

Ingrid Neins Kindheit war kein Spaß. »Nichts war leicht«, sagt sie. Das Verhältnis zur Mutter: extrem schwierig. Über den Ehemann bzw. Vater wird nicht gesprochen. »Ich habe überlegt, wie mein Leben verlaufen wäre mit meinem Vater«, sagt Ingrid Nein. Ein Satz ihrer Mutter schmerzt sie heute noch: »Wenn Dein Vater da wäre, würde es Dir besser gehen.« Daran hat Ingrid Nein keinen Zweifel. Im Zorn hatte sie der Mutter an den Kopf geworfen: »Wenn Papa wiederkommt, wird er sich scheiden lassen.«

Traurige Gewissheit

Kurth Kehrer kehrt nicht heim. So bleiben Ingrid Nein nur die Fotos, Briefe, Dokumente und die spärlichen Informationen von den Verwandten. Leider auch die Gewissheit, dass ihr Vater bis zu seinem Tod eine schlimme Zeit im Lager gehabt haben muss. Im Sommer 1944 ist er wohl den Soldaten der Sowjetarmee in die Hände gefallen. Gestorben ist er am 2. Oktober 1945 in Golubowka/Ukraine im Kriegsgefangenenlager 144.

Eine sehr enge Verbindung

Gerne hätte Ingrid Nein noch viel mehr über ihren Vater erfahren. Doch sei mit dem Inhalt des Köfferchens eine sehr enge Verbindung entstanden. »Es macht mich zwar sehr traurig«, sagt Ingrid Nein. »Aber ich schaue sehr oft rein und lese die Briefe ganz intensiv. Der Koffer bedeutet mir sehr viel.«

Serie Feldpostbriefe

Zwischen Front und Heimat

Die Geschichte von Kriegen ist oft eine, die in Zahlen erzählt wird. Dabei lässt sich leicht vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Schicksal steckt. Sorge, Liebe, Sehnsucht, davon erzählen die sogenannten Feldpostbriefe, die Soldaten von der Front in die Heimat geschickt haben. In dieser Serie zeigen wir Auszüge und sprechen mit den Menschen, deren Väter oder Großväter diese Zeilen verfasst haben.

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  • Adolf Hitler
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