Wetterau

Fehlende Heimat verbindet

Das Karl-Wagner-Haus in Friedberg kann sich über einen Scheck in Höhe von exakt 2664,98 Euro freuen. Gespendet wurde die Summe vom Heimatbund Seestadl, der sich 2012 aus Altersgründen aufgelöst hatte. Das Geld stammt aus einem Restguthaben des Heimatbundes. Im Büro des Friedberger Bürgermeisters Dirk Antkowiak übergab der frühere Vorsitzende des Heimatbundes Seestadl, Burkhard Melzer, den Scheck nun an das Karl-Wagner-Haus, vertreten durch Michael Erlenbach, Leiter des Geschäftsbereichs »Menschen in sozialen Notlagen«.
01. August 2018, 20:56 Uhr
Corinna Weigelt
agl_ScheckSeestadtler1-cor_
Seestadler spenden für das Karl-Wagner-Haus (v. l.): Michael Erlenbach, Kerstin Wientziek, Dirk Antkowiak, Silvia und Burkhard Melzer, Henrik Hollender und vorne Christine Schmidt. (Foto: cor)

Das Karl-Wagner-Haus in Friedberg kann sich über einen Scheck in Höhe von exakt 2664,98 Euro freuen. Gespendet wurde die Summe vom Heimatbund Seestadl, der sich 2012 aus Altersgründen aufgelöst hatte. Das Geld stammt aus einem Restguthaben des Heimatbundes. Im Büro des Friedberger Bürgermeisters Dirk Antkowiak übergab der frühere Vorsitzende des Heimatbundes Seestadl, Burkhard Melzer, den Scheck nun an das Karl-Wagner-Haus, vertreten durch Michael Erlenbach, Leiter des Geschäftsbereichs »Menschen in sozialen Notlagen«.

Den Heimatbund Seestadl und das Karl-Wagner-Haus verbinde ein Stück weit die Heimatlosigkeit, erklärte Melzer die Wahl der begünstigten Einrichtung. Auch das Karl-Wagner-Haus sei eine Anlaufstelle für Vertriebene. Mit der Stadt Friedberg hingegen verbindet der Heimatbund Seestadl eine jahrelange Partnerschaft. »Die bleibt für uns auch weiterhin bestehen«, sagte Antkowiak. Daher lud er am Dienstag ins Rathaus aus, um die Tätigkeiten des Heimatbundes nochmals zu würdigen. Am 16. Juli 1960 übernahm Friedberg die Patenschaft über die Seestadler beziehungsweise den Heimatkreis Komotau und stellte dem Heimatbund Seestadl Räume für eine Heimatstube im Alten Rathaus zur Verfügung. Sie enthielt eine kleine Bibliothek, schriftliche Unterlagen des Heimatbundes, eine Fotosammlung, Filme sowie Bilder, gestickte Wappen und Familienstammbäume.

Große Treffen in den 70ern

Gegründet wurde der Heimatbund Seestadl schon viel früher: 1946 kamen etwa 600 aus der nordböhmischen Stadt Seestadl vertriebene Menschen nach Hessen. »1947 traf sich eine Gruppe zum ersten Mal in Friedberg«, erinnerte Melzer. Kurze Zeit später folgte die Gründung. Gemeinsam mit der früheren Kassenwartin Christine Schmidt erinnerte sich Melzer an die Anfangszeiten. »Den Aufbau einer neuen Existenz, verbunden mit Gefühlen, die Heimat zu verlassen.« Im Vergleich zu den Großeltern habe sie das aber locker empfunden, sagte Schmidt, die im Alter von 15 Jahren nach Hamburg gekommen war und eine neue Heimat gefunden hatte. Eine riesige Gemeinschaft wuchs. Regelmäßige Treffen wurden im Hotel Trapp oder in der Stadthalle abgehalten. »Mit bis zu 350 Leuten«, sagte Melzer. »In den 70er Jahren waren die Übernachtungen in Friedberg ausgebucht.« Stolz erinnerte sich Melzer auch an den Hessentag: »Da waren wir mit einem eigenen Wagen dabei.«

1995 erneuerte Friedberg den Patenschaftsvertrag über die Seestadler. Wegen des starken Mitgliederschwundes hat sich der Heimatbund Seestadl zum Ende des Jahres 2012 aufgelöst. Die schriftlichen Dokumente des Heimatbundes wurden vom Stadtarchiv Friedberg übernommen. Nicht nur dieses Andenken werde in Ehren gehalten. »Auch am Europaplatz wird demnächst ein Hinweisschild zu finden sein«, kündigte der Bürgermeister an. Ebenso erinnere stets der Seestadler Weg in Friedberg an den Heimatbund, wie Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender ergänzte.

Michael Erlenbach bedankte sich für das »Geld, das wir gut gebrauchen können«. Gerade der Freizeitbereich und mögliche Aktivitäten seien für die Einrichtung unterfinanziert. Das Karl-Wagner-Haus hat ebenfalls eine lange Geschichte. Sie reicht bis 1886 zurückt. Die Einrichtung bietet ein umfangreiches Angebot für Menschen in sozialen Notlagen. Menschen aus dem Wetteraukreis, die sich in besonderen Schwierigkeiten befinden – wie Verlust der Wohnung, Schulden, Lebenskrisen und fehlende tragfähige soziale Bindungen – kommen ins Karl-Wagner-Haus. Gleiches gilt für Menschen ohne feste örtliche Bindungen und klassische Durchwanderer. Im Wohnheim mit 50 Plätzen werden Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten aufgenommen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Fehlende-Heimat-verbindet;art472,466122

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung