28. März 2017, 05:00 Uhr

Urteil

Falsche Täter wieder frei

Nachdem ein 31-jähriger erklärt hatte, sie seien Komplizen bei einem Überfall am Bad Nauheimer Bahnhof gewesen, wurden die zu Unrecht verurteilten Asylbewerber am Montag freigesprochen.
28. März 2017, 05:00 Uhr
In den frühen Morgenstunden des 8. März 2015 wird ein Mann aus dem Lahn-Dill-Kreis am Bad Nauheimer Bahnhof niedergeschlagen und ausgeraubt. Wer hinter der Tat steckt, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. (Foto: Nici Merz)

Wer Mittäter verpfeift, kann mit einem milden Urteil rechnen. Das dachte sich auch ein 31-jähriger Algerier, der am 8. März 2015 am Bad Nauheimer Bahnhof mit Komplizen einen Mann niedergeschlagen und ausgeraubt hatte. Tatsächlich kassierte er lediglich zwei Jahre und zwei Monate Gefängnis, weil er die Namen zweier mutmaßlicher Komplizen angeben hatte (die WZ berichtete). Doch das entpuppte sich als glatte Lüge. Die beiden – ebenfalls aus Nordafrika stammenden – Asylbewerber hatten nichts mit der Tat zu tun. Das Verfahren gegen sie vor der Neunten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts endete am Montag mit einer Einstellung und einem Freispruch. Stattdessen wird sich der bereits verurteilte Algerier erneut verantworten müssen. Seine Haftstrafe könnte sich jetzt deutlich verlängern. Wegen falscher Verdächtigung und Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft drohen ihm nun bis zu zehn Jahre Gefängnis. Denn: Die beiden zu Unrecht Beschuldigten saßen monatelang in Untersuchungshaft. Dafür erhält einer von beiden eine Entschädigung.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass vor zwei Jahren mindestens drei Männer das Opfer überfielen. Der Mann aus dem Lahn-Dill-Kreis konnte den Ermittlern aber nicht weiterhelfen. Da er eigener Aussage zufolge mit Pfefferspray attackiert wurde, habe er nicht sehen können, wer die Angreifer waren. Immerhin: Der 30-Jährige trug keine gravierenden Verletzungen davon.


Echte Komplizen bedrohen Haupttäter

Dem bereits verurteilten Algerier war man auf die Schliche gekommen, weil seine DNA am Gurt einer Bauchtasche gesichert werden konnte, die das Opfer bei sich getragen hatte. Gegenüber den Ermittlern hatte er dann die Tat eingeräumt und fälschlicherweise seine beiden Bekannten – einen 26-jährigen Tunesier und einen 25-jährigen Algerier – als Komplizen beschuldigt. Bei einer späteren Gerichtsverhandlung erzählte der nun als Zeuge geladene frühere Angeklagte auf einmal etwas völlig anderes: Die beiden Nordafrikaner seien doch nicht seine Komplizen gewesen. Er habe dies nur gesagt, um sein eigenes Leben zu schützen. Denn: Seine beiden »echten« Komplizen hätten gedroht, ihn umzubringen, sollte er ihre Namen nennen. Eine missliche Situation für das Gericht. Warum er der Polizei gerade die Namen der beiden Angeklagten genannt habe, hatte Vorsitzender Richter Dr. Klaus Bergmann wissen wollen. Er habe den beiden Nordafrikanern Geld geliehen und nicht zurückbekommen, deshalb habe er die zwei Männer »reinreiten« wollen, gab der Verurteilte zu.

Bemerkenswerterweise tauchte in dem Prozess noch ein Zeuge auf, der gesehen haben will, dass der Ältere der beiden Angeklagten angeblich doch an dem Überfall beteiligt gewesen sein soll. Für eine Verurteilung reichte dies dem Gericht allerdings nicht. Für einen Freispruch aber auch nicht. Bergmann stellte das Verfahren gegen den 26-Jährigen ein. Da gegen ihn jedoch ein gewisser »Verdachtsgrad« bestehen bleibe, erhalte er keine Entschädigung für die erlittene Untersuchungshaft. Außerdem habe der bereits mehrfach wegen Körperverletzung und Diebstahls vorbestrafte Mann ein »sehr unwürdiges Verhalten« gezeigt, betonte der Richter. Das sei »nicht die Art und Weise, wie man mit Gastfreundschaft umgeht«. Der 26-Jährige wird deshalb nun aus der Untersuchungshaft direkt in sein Heimatland abgeschoben. Anders sieht es bei dem nicht vorbestraften 25-jährigen Algerier aus. Er wurde freigesprochen und erhält für die achtmonatige Untersuchungshaft eine Entschädigung.

Wann der Prozess gegen den bereits verurteilten Täter eröffnet wird, ist noch unklar.

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