22. Mai 2018, 08:00 Uhr

Schöffenrichter

Ex-Polizist: Es muss nicht immer Gefängnis sein

Vor Gericht stehen, das kennt Peter Baumann. Als Zeuge, in seiner Eigenschaft als Polizist. Inzwischen arbeitet der ehemalige Bad Nauheimer Stadtrat seit zehn Jahren als Schöffe.
22. Mai 2018, 08:00 Uhr
Schöffen entscheiden gemeinsam mit dem hauptamtlichen Richter über das Strafmaß. Für die neue Amtsperiode, die 2019 beginnt, werden Interessenten gesucht. (Symbolfoto: dpa)

Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Peter Baumann: In Gießen hatte ein Angestellter einen Bungalow angemietet und Rauschgift gezüchtet. Und ein Fall ist noch nicht so lange her, bei dem eine russische Autoschieber-Bande auf einem Lastzug in Langenhain-Ziegenberg Autos verladen hatte. Sie wurde observiert, verfolgt und in Ober-Mörlen gestellt. Drei hauten ab, einer wurde vom Hubschrauber aus nachts auf einem Baum aufgespürt. Das Verfahren war sehr umfangreich, ging über mehrere Verhandlungstage.

Wie schwer fallen einem als Schöffen Entscheidungen?

Baumann: Man entscheidet als ehrenamtlicher Schöffe gemeinsam mit dem Hauptamtlichen und dem Kollegen. Das gibt eine gewisse Sicherheit. Aber es gab auch Fälle, bei denen ich kein gutes Gefühl hatte, da fehlte etwas, wobei ich als ehemaliger Polizist vorbelastet bin. Letzte Woche mussten wir einen freisprechen, ich glaube den einzigen in meiner Amtszeit. Wir haben alle drei gesagt, dass das letzte Quäntchen Beweisstück fehlt – im Zweifel für den Angeklagten, das passiert. Ich hatte es aber auch schon anders, dass wir beiden Ehrenamtlichen gegen den Hauptamtlichen gestimmt haben.

Sie haben schon gesagt, dass Sie Polizist gewesen sind. Ist das die Hauptmotivation gewesen, Schöffe zu werden?

Baumann: Ich stand immer vor dem Richterpult, als Zeuge. Manchmal war ich doch sehr verwundert über die Urteile, die da gesprochen wurden. Es war für mich schon interessant, auf der anderen Seite zu sitzen. Die Aussagen von Zeugen, Kollegen, vom Angeklagten anzuhören. Aber es war nicht ausschlaggebend.

Sie waren verwundert über die Urteile. Werden aus Ihrer Sicht zu lasche Urteile gefällt?

Baumann: Es sind zwei Seelen in meiner Brust. Wenn ich jemanden ins Gefängnis schicke, sehe ich auf der anderen Seite die extremen Kosten, die hier entstehen. Wenn man eine Perspektive sieht, dass der Täter in ein normales Leben findet, dass er Arbeit, Familie, ein Umfeld hat, dass bei Rauschgiftsüchtigen nicht nur aus Rauschgiftsüchtigen besteht, dann sehe ich es nicht als angebracht an, ihn unbedingt ins Gefängnis zu stecken. Nur: Wir haben in den allermeisten Fällen Mehrfachstraftäter. Irgendwann geht es nicht mehr, wenn man schon fünf Mal auf Bewährung verurteilt hat, da bleibt wirklich nur noch Gefängnis.

Man lernt alle Bevölkerungsschichten dieses Landes kennen – vom Arbeiter bis zum Mafioso

Peter Baumann

Sie haben als Polizist, der öfter vor Gericht gewesen ist, gewisse Vorkenntnisse. Ist es aber als Schöffe schwierig, wenn einem ein Anwalt oder Staatsanwalt juristische Begriffe um die Ohren haut?

Baumann: Es kommt auf den Richter an. Es gibt Richter, die sprechen so wie Sie und ich und erklären einem auch etwas. In Friedberg habe ich einen Richter, der erklärt alles, da fühlt man sich nicht als Richter zweiter Wahl, sondern fühlt sich ernst genommen. Ich habe schon vieles gesehen und gehört, es ist interessant. Man lernt alle Bevölkerungsschichten dieses Landes kennen – vom Arbeiter bis zum Mafioso. Es ist besser als Fernsehen, denn es ist real.

Wie zeitaufwendig ist die Arbeit und wie langfristig bekommt man wegen der Termine Bescheid gesagt?

Baumann: Es ist sehr langfristig, außer bei den Folgeterminen. Schöffentermine sind in Friedberg an gleichen Wochentagen Man sollte mitteilen, wenn man feste Termine hat, zum Beispiel Training im Sportverein, und sagen, dass man an diesem Tag keine Zeit hat. Maximal eine Termin im Monat hat man am Schöffengericht, wenn etwas anliegt. Ich komme im Jahr vielleicht sieben, acht Mal an originären Schöffentagen dran, ohne die Folgetermine.

War das Einarbeiten anfangs schwierig?

Baumann: Nein.

Gab es einen Fall, bei dem Sie gesagt haben »Den hätte ich am liebsten nicht gemacht«?

Baumann: Da bin ich beruflich leider schon abgestumpft. Manche Sachen tun einem vielleicht für irgendjemanden leid, für den Geschädigten oder auch den Angeklagten. Da bin ich ein bisschen zerrissen, aber schwer gefallen, so dass ich noch nachgekaut hätte, ist mir bis jetzt nichts.

Info

Wer will Schöffe werden?

Für die Amtsperiode 2019 bis 2023 sucht die Stadt Bad Nauheim noch Bürger, die Schöffin oder Schöffe, Hilfsschöffin oder Hilfsschöffe werden wollen. Man muss in Bad Nauheim wohnen, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und am 1. Januar 2019 mindestens 25 und höchstens 69 Jahre alt sein. Interessenten wenden sich bis zum 25. Mai an das Büro der Stadtverordnetenversammlung, Michael Knorr, Telefon 0 60 32/34 33 41 oder per E-Mail an michael.knorr@bad-nauheim.de. (pm)

 

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