28. Oktober 2018, 14:40 Uhr

Friedberg nach dem Krieg

»Es sind traurige Aussichten«

Karl Krumb aus Friedberg hat viele Texte über das Leben nach dem Krieg hinterlassen. So beschreibt er etwa, warum es für eine »Hausfrau unmöglich war, Abwechslung in die Speisefolge zu bringen«.
28. Oktober 2018, 14:40 Uhr
Die Kaiserstraße 1947 – die Schaufenster sind allesamt leer. Diese Situation spiegelt sich auch in den Aufzeichnungen von Karl Krumb wider. Der in Friedberg lebende Rentner schreibt viel über die schlechte Versorgung nach dem Krieg. (Foto: Stadtarchiv Friedberg, Hessen)

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Am 4. Mai 1945 gehen die Briten von Hamburg aus auf Sendung. Um 19 Uhr geht es los: Die britische Nationalhymne läuft. Dann die Ansprache: »Here is Radio Hamburg, a Station of the Military Government« (Hier ist Radio Hamburg, ein Sender der alliierten Militärregierung). Andere Besatzungsmächte folgen dem britischen Beispiel. Es ist diese Zeit, in der Karl Krumb in Friedberg das Kriegsende und die darauffolgenden Monate und Jahre erlebt – und akribisch notiert. Er schreibt über die Ereignisse vor der Haustür ebenso wie über Weltpolitisches. Einiges erfährt er wohl aus dem Radio. Im Juli 1945 schreibt er:

 

Bis genau 7. Juli 45 soll die endgültige Besetzung deutscher Gebiete unter den Alliierten bzw. die Verschiebungen beendet sein. Berlin wird von allen Alliierten besetzt. Rußland besetzt den größten Teil von Deutschland.

 

In derselben Aufzeichnung schreibt er:

 

Im Radio wird täglich Angst gemacht vor dem Winter, Kohlen- u. Lebensmittelmangel. Gleichzeitig wird eine sehr gute Ernte vorausgesagt.

 

Karl Krumb ist zu dieser Zeit bereits im Ruhestand, er lebt in einem Haus der Reichsbahn in der Weiherstraße in Friedberg, wie seine in Rosbach lebende Enkelin erzählt. Im April 1868 geboren, habe er sein Leben lang für die Bahn gearbeitet, sei an verschiedenen Orten Bahnhofsvorsteher gewesen, unter anderem von Mainz-Kastel. Der Enkelin ist es zu verdanken, dass seine Aufzeichnungen digitalisiert und teilweise ans Friedberger Stadtarchiv weitergegeben worden sind. »Einer meiner Cousins hatte diese Schriften«, erzählt die Rosbacherin. Als sie davon erfahren habe, habe sie mit großem Interesse gelesen – und sich entschieden, die alte Schrift zu transkribieren.

Ein Thema, das immer wieder auftaucht, ist der Hunger, die schlechte Versorgung, die Angst vor dem Winter. Im September 1946 schreibt Karl Krumb:

 

Die Nahrungssorgen bildeten das Hauptthema des Denkens und Handelns der Bevölkerung, da Nährmittel, Fett, Fleisch und Gemüse, nur in geringen Mengen, 125 bis 200 Gramm pro Woche und Kopf, ausgegeben wurden. So war es für eine Hausfrau unmöglich, Abwechslung in die Speisefolge zu bringen, und sie mußte froh sein, wenn sie jeden Mittag und Abend einen Topf dicke Suppe hinstellen konnte. Alle besseren Gaststätten, Hotels, Cafès und Konditoreien waren von der Besatzung beschlagnahmt und nur wenige Wirtshäuser und Cafès für Deutsche geöffnet. Nur einige gaben Essen gegen Marken, meistens Eintopf. Feingebäck gab es nirgends, nur Café und Brötchen oder Gebäck von Schwarzmehl.

 

Und, schreibt er weiter:

 

Die Amerikanische Besatzung schwelgte im Übermaß im Jahr 45 und 1946, und was sie nicht bewältigen konnte, wurde weggeworfen oder vernichtet (...). Es soll die Absicht der Besatzung gewesen sein, alle Deutschen zur Strafe die ersten vier Jahre der Besatzung hungern zu lassen. Dieses Ernährungsthema ist unerschöpflich und würde alleine Bücher füllen.

 

In den Aufzeichnungen schreibt er auch davon, wie er die Stimmung in der Bevölkerung wahrnimmt. So heißt es in demselben Text:

 

Der größte Teil der Bevölkerung ist ganz gleichgültig gegenüber dem politischen Geschehen und den Zeitungspolemiken, ja, viele wollen garnichts davon wissen.

 

Für lokalhistorisch Interessierte geben Karl Krumbs Aufzeichnungen zahlreiche Informationen über die Region in der Nachkriegszeit. Wie haben die Menschen vor Ort ihren Alltag gestaltet, unter welchen Bedingung haben sie gelebt? Zum Beispiel schreibt er im Juli 1945:

 

Die Eisenbahn verkehrt nach Frankfurt, Hanau, Hungen und Gießen und Homburg. Es verkehren nur wenige Züge und die sind überfüllt. Seit dem 16.7. ist der sog. Südbahnhof in Friedberg, wo man am Proviantamt aus- und einsteigen mußte, aufgehoben (...). Die Züge sind überfüllt mit Arbeitern, Hamsterern, Rückkehrern und Soldaten. Wer nicht unbedingt reisen muß, bleibt besser zu Hause.

Weil jetzt am 20. Juli 45 immer noch kein Gaswerk in Betrieb ist und wir keine elektr. Heizplatte haben, müssen wir und die meisten Einwohner schon seit Ostern den Küchenherd mit Holz feuern. Und so wird dies bleiben, wenn im Winter keine Kohlen hereinkommen. Es sind traurige Aussichten für den Winter.

 

Im selben Monat berichtet Karl Krumb auch von dem Kontakt mit den in Friedberg stationierten Amerikanern:

 

Am Sonntag, dem 20. Juli. große Erregung in der Stadt. Alle Straßen sind mit Amerikanern besetzt, welche die Passanten anhalten und ihre Ausweise prüfen, auch Durchsuchungen der Häuser und Wohnungen werden vorgenommen (...). Bei uns hier waren sie am Sonntag, dem 21., morgens, 7 Uhr. Sie benahmen sich ruhig und gemessen, öffneten einige Türen und Schubladen und gingen wieder anstandslos weg. Gegenüber war verschlossen, die Frau in der Kirche. Sie stiegen mittels Leiter zum Fenster herein, zwei Kinder von 7 und 5 Jahren lagen noch zu Bett. Nach der Mutter befragt, antworteten sie, sie sei in der Kirche. Darauf gaben sie ihnen Kaugummi und entfernten sich wieder.

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