21. September 2019, 18:00 Uhr

Rührende Geschichten

»Es ist wie in der Mutterrolle« - Zwei Wetterauerinnen sprechen über ihr Leben mit Demenzkranken

Christa Rehling aus Friedberg und Antje Huxstep aus Bingenheim haben zu Hause viel mitgemacht. Beide haben geliebte Angehörige, die an Demenz erkrankt sind. Nun brechen sie ihr Schweigen.
21. September 2019, 18:00 Uhr
Zuhören hilft: Karin Stöcker (l.) im Gespräch mit Christa Rehling (M.) und Antje Huxstep. (Foto: pm)

Den Schlüssel für die Speisekammer musste Christa Rehling irgendwann vor ihrem Mann verstecken, sodass er nicht mehr hineinkommen konnte. In seiner Demenz hätte er sonst ununterbrochen gegessen. Die Ordnung in der Küche habe er völlig auf den Kopf und die Geräte und das Geschirr an neue Plätze gestellt, immer exakt im rechten Winkel zueinander.

Die Auswirkungen der Demenz zu erleben ist hart - besonders, wenn es geliebte Menschen trifft. Darüber sprechen Rehling aus Friedberg und Antje Huxstep aus Bingenheim. Beide haben Angehörige, die an Demenz erkrankt sind. Zum heutigen Welt-Alzheimertag wollen sie mit ihren Geschichten anderen Angehörigen Mut machen, das Tabu zu brechen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und sich Hilfe zu holen - zum Beispiel beim Gesprächskreis des Diakonischen Werks Wetterau (DWW).

Zwischen Liebe und Verzweiflung

»Die Ausnahmesituation dieser körperlichen und geistigen Belastung, das hält eigentlich kein Mensch aus«, sagt Rehling. »Man meint aber, es aushalten zu müssen, um dem Idealbild von liebevoller Pflege daheim zu entsprechen.« Es sei wie in der Mutterrolle. Mit Kindern sei es auch manchmal schwierig und man brauche das Verständnis aus der Umgebung. Wie Rehling war auch Huxstep im Konflikt zwischen liebevoller Gebundenheit und Verzweiflung. Nicht nur ihr Ehemann, auch ihre Mutter ist an Demenz erkrankt. Sie plagte sich mit Fragen: Wie weit muss ich mich verbiegen, um das Leben meines Mannes und meiner Mutter zu Hause entsprechend der Krankheit zu ermöglichen? Muss ich mich komplett aufgeben?

Beide Frauen besuchen nun seit einem beziehungsweise seit zwei Jahren den DDW-Gesprächskreis für Angehörige von Menschen mit Demenz in Friedberg, der auch in Nidda angeboten wird. Dabei treffen sich rund sechs Personen und erzählen nach eine Vorstellungsrunde darüber, was sie zu Hause zu bewältigen haben. Fachlich begleitet werden die Gespräche von Karin Stöcker, Bereichsleiterin Altenhilfe. Sie moderiert und gibt fachliche Infos, zum Beispiel über ambulante Entlastungsangebote.

Im Gesprächskreis werde jedem in Ruhe zugehört, sagen Rehling und Huxstep. Rehling berichtet, sie fühle sich verletzlich, wenn sie sich öffne und Menschen in ihrer Umgebung von der Pflege ihres Mannes erzähle. In dieser Gruppe aber geht es gut, weil alle in der Runde ihre Erlebnisse Preis geben und aussprechen, wenn sie nicht mehr weiter können. »Manchen Freunden und Bekannten kann man das nicht erzählen«, sagt sie. »Man stößt bei Menschen ohne Alltags-Erfahrung mit Demenzerkrankten auf Unverständnis.« Im Gesprächskreis dagegen hätten alle diese Erfahrung und die Atmosphäre ist vertrauensvoll. »Über die eigene Situation zu sprechen, kann schwierig sein«, weiß Gesprächsleiterin Stöcker. Im Gesprächskreis gelte daher: »Alles kann, nichts muss.« Man könne auch dabei sein und nur zuhören.

Eigene Bedürfnisse nicht vergessen

Zusätzlich zum Austausch helfen den beiden Frauen Stöckers Tipps und Fachkenntnis, sagen sie. Ratschläge wie »Mit Demenzkranken sollte man für den eigenen Frieden nicht mehr diskutieren, sondern es so stehen lassen, das Thema ändern oder - wenn möglich - gehen.« hätten beide gern angenommen. Sie hätten schrittweise akzeptiert, dass sich die Beziehung mit der Krankheit ändert und sie sie nicht zurückändern können. Auch die Balance zu halten zwischen der Rücksichtnahme und den eigenen Bedürfnissen - ohne schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle - haben sie mittlerweile gelernt.

In den Familien der beiden haben sich nun einige Veränderungen ergeben. Huxsteps Mutter war nach stressvollen Versuchen mit 24-Stunden-Pflegekräften damit einverstanden, in eine Pflegeeinrichtung in Altenstadt zu ziehen, wo sie sich jetzt wohlfühlt. Rehlings Ehemann besuchte zunächst eine Tagespflegeeinrichtung und lebt nun wegen des Fortschritts der Erkrankung im Pflegeheim in Bad Nauheim.

Angehörigen von Menschen mit Demenz wünschen Rehling und Huxstep, dass sie das Gefühl von Peinlichkeit überwinden und sich die Zeit nehmen können, Hilfemöglichkeiten für sich zu nutzen. Von den Erfahrungen und Handlungsschritten anderer Betroffener zu hören, lohne sich. Praktische Tipps für den Alltag sowie zum Umgang mit ungewöhnlichem Verhalten der erkrankten Person zu Hause und in der Öffentlichkeit - all dies ist im Gesprächskreis zu hören.

Gesprächskreise in Friedberg und Nidda

Den kostenlosen, offenen Gesprächskreis des Diakonischen Werks Wetterau für Angehörige von Menschen mit Demenz gibt es in Nidda und in Friedberg. In Friedberg findet das nächste Treffen am 23. September von 16 bis 17.30 Uhr im Haus der Diakonie, Saarstraße 55, statt. Weitere Treffen gibt es an jedem vierten Montag im Monat. In Nidda pausiert der Gesprächskreis, wird aber wieder aufgenommen - sobald sich Interessenten melden. Für Fragen und für die Anmeldung können Interessierte unter der Rufnummer 0 60 31/72 52-139 mit Karin Stöcker sprechen.

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