12. November 2018, 20:02 Uhr

Erinnerungen wachhalten

12. November 2018, 20:02 Uhr
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Aus der Redaktion
Das Holocaust-Erinnerungsmal ist erst vor zweieinhalb Jahren in Bad Nauheim errichtet worden und geht zurück auf die Initiative vieler ehemaliger Ernst-Ludwig-Schullehrer und Schüler. (Foto: pv)

. Anlässlich des 80. Jahrestages der Novemberpogrome, früher auch als »Reichskristallnacht« bezeichnet, gingen mehrere Klassen der Ernst-Ludwig-Schule am Freitag zum Holocaust-Erinnerungsmal an der Parkstraße, um an die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht zu erinnern.

In dieser Nacht wurden überall in Deutschland Mitmenschen jüdischen Glaubens Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Jüdische Geschäfte wurden geplündert, die Fensterscheiben eingeschlagen, jüdisches Eigentum wurde zertrümmert und auf die Straße geworfen, Synagogen brannten, viele Juden wurden inhaftiert, brutal zusammengeschlagen, viele starben an den Folgen der Verletzungen.

Die Schüler hatten sich zuvor mit der Schießerei in einer jüdischen Synagoge in Pittsburgh, in Pennsylvania, vor zwei Wochen auseinandergesetzt. Ihnen wurde deutlich, dass Antisemitismus in erschreckender Weise auch heute noch fürchterliche Ausmaße annimmt und dass gerade 80 Jahre nach den Novemberpogromen in Deutschland offene Judenfeindlichkeit wieder salonfähig zu werden scheint – nicht zuletzt befeuert durch judenfeindliche Äußerungen von rechts stehenden Politikern.

Schüler sind schockiert

Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern festgehalten, was Juden alles verboten war, welche massiven Einschränkungen sie erdulden mussten, bevor die Deportationen im großen Ausmaß anfingen. Die Schüler hatten verschiedene Gesetze auf Karteikarten geschrieben und am Holocaust-Erinnerungsmal vorgelesen.

Juden durften keine Zeitschriften abonnieren oder kaufen, sie durften nicht in öffentliche Parks gehen oder sich gar auf Parkbänken niederlassen, sie durften keine Haustiere haben, sie durften keine Pelze oder Wolldecken besitzen, sie durften ihre Fahrräder nur für den Weg zur Arbeit benutzen, sie durften nur zu einer festgelegten Zeit eine Stunde lang einkaufen, sie durften keine Vorräte haben. Unzählige Gesetze waren bereits in Kraft getreten und erschwerten das Leben der jüdischen Mitbürger in unerträglicher Weise, lange bevor die Novemberpogrome begannen. Insbesondere die jüngeren Schüler waren von diesen Maßnahmen schockiert. Als sie sich dann noch die vielen Namen auf der Stele des Erinnerungsmals anschauten, stellten sie fest, dass hier große Bad Nauheimer Familien zu den Opfern der Vernichtung gehörten.

Das Holocaust-Erinnerungsmal ist erst vor zweieinhalb Jahren in Bad Nauheim errichtet worden und geht zurück auf die Initiative vieler ehemaliger Ernst-Ludwig-Schullehrer und Schüler. Es ist eine Erinnerungsstätte, die sich besonders an die Jugend wendet. Der Besuch des Holocaust-Erinnerungsmals, die Erinnerung an die Novemberpogrome und die Auseinandersetzung mit heutigen judenfeindlichen oder rassistischen Angriffen ist dringend notwendig.

Die heutige Jugend ist die Generation, die nicht nur die Erinnerung weitertragen muss, sondern die vor allem auch für ein zukünftiges mitmenschlicheres, wertschätzendes Zusammenleben kämpfen muss. Das große und sehr emotionale Interesse der ELS-Schüler stimmt ihre Lehrer optimistisch, dass dies gelingen kann. A. Hebbeker-Meyer



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