24. September 2017, 12:00 Uhr

Dorfgeschichte

Erika Werner (90) ist das lebende Ortsgedächtnis

Wenn Erika Werner die Liste alter Hausnamen von Nieder-Florstadt zur Hand nimmt, fängt sie an zu erzählen. Von früher. Als sie von der Koche Käthche gejagt wurde.
24. September 2017, 12:00 Uhr
Im Saal Lux war das erste Kino in Nieder-Florstadt untergebracht. Diese und viele weitere Infos über die Häuser im alten Ortskern sind nachzulesen in eine Liste mit über 400 alten Hausnamen. (Foto: pv)

Warum die Koche Käthche sie gejagt hat, daran kann sich Erika Werner noch genau erinnern. Obwohl das schon über 80 Jahre her ist. Dem lebenden Gedächtnis von Nieder-Florstadt fallen viele Geschichten ein.

Fünf Pfennig hatte Erika Werner von ihrer Mutter mitbekommen. Davon sollte sich die Zweitklässlerin bei der Metzgerei Koche ein Stück Wurst fürs trockene Pausenbrot kaufen. Die Metzgersfrau, die Koche Käthche, übertraf ihren Mann Christian sowohl in der Höhe als auch in der Breite, erinnert sich Werner. Die Frau war krank, hatte ein offenes Bein. Die Schülerin meinte es nur gut, als sie wiederholte, was sie schon so oft andere über die Koche Käthche hatte sagen hören: »Schneid Dir bloß nicht in den Finger!« So schnell hatte die Zweitklässlerin die dicke Metzgersfrau noch nie rennen sehen. »Du Rotznase!«, hörte sie die Frau noch kreischen, bevor sie ihr entkommen konnte. »Meine fünf Pfennig habe ich nie wiedergesehen«, erzählt die Schülerin von damals, die kürzlich ihren 90. Geburtstag feierte.

Die erste Frau mit Führerschein

Einen Teil ihres Gedächtnisses hat Erika Werner nun in eine Übersicht alter Hausnamen von Nieder-Florstadt gesteckt. Zwei Jahre hat sie die Informationen aus dem alten Ortskern zusammengetragen, die Claudia Bernshausen nach Straßen geordnet, mit Flurkarten zur Orientierung versehen und im Computer festgehalten hat. Auch Hermann Schreitz und Hermann Helmstädter halfen mit.

Den Hausnamen werden die jeweiligen Familien- und Utznamen zugeordnet, eine Spalte gibt es für Besonderheiten. Da steht zum Beispiel bei Bassgeiers Gretche aus der Ludwigstraße, Familienname Lux, dass sie die erste Florstädterin mit einem Führerschein war – für Autos und sogar Lastwagen. Ab 1936 fuhr sie die anderen Fleeschter mit ihrem Taxi, einem Opel, beispielsweise ins Krankenhaus nach Friedberg. »Dabei trug sie immer eine Lederkappe«, erzählt Werner.

Bürgermeister Herbert Unger, der die Liste kürzlich fürs Stadtarchiv in Empfang nahm, stieß beim Blättern auf seinen Großvater, den Ixer Heinrich. Der Hausname stammt aus der Nachkriegszeit, als die Franzosen die Häuser mit römischen Zahlen nummerierten und dieses Haus mit einem »X« versahen, in dem von nun an der »Ixer« wohnte. Vermerkt ist auch, dass er Schweizer auf dem Mönchshof war. »Schweizer war früher eine Bezeichnung für Knechte«, erklärte Unger.


Stummfilme für 10 Pfennig

In den über 400 Einträgen findet sich auch die erste Tankstelle am Ort, ebenso die erste Eisdiele und das erste Kino. »Das war im Saal Lux«, erinnert sich Erika Werner. »Für 10 Pfennig konnte man dort Stummfilme anschauen, zum Beispiel ›Lockenköpfchen‹ mit Shirley Temple.«

Was ist es mit dem Hausnamen Ruse-Kneppsche auf sich hat? Die 90-Jährige lacht. Die Frau, die dort lebte, war eine besonders stolze Mutter. »Das Kind blüht wie ein Rosenknöspchen«, schwärmte sie von ihrem Nachwuchs. Solche Ereignisse wurden in der Mundart verballhornt – so seien Hausnamen oft zustandegekommen, erklärte Bürgermeister Unger. Er lobte das Werk als »tolle Arbeit« und besprach mehrere Optionen, wie man die Übersicht allen Florstädtern zugänglich machen könnte.

Eine Geschichte hat sich nicht in Florstadt zugetragen, sondern direkt hinter dem Teufelsgraben, der seit jeher die Grenze zu Wickstadt markiert. Dort war Werners Großvater mit zwei Freunden unterwegs, um Zwiebeln vom Feld zu klauen. In Säcken hatten sie schon jede Menge verstaut, als der Schütz, der Flurhüter, sie erwischte. Die Jungen kippten die Säcke aus und nahmen die Beine in die Hand. Dabei verlor einer von ihnen seinen Sack. Dumm nur, dass darin sein Name stand. Vielleicht hat die folgende Strafe ihn etwas ruhiger gemacht – den Jungen, den alle nur Feier-Hannes nannten.

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