23. September 2017, 06:00 Uhr

Katastrophe

»Erdbebenalarm! Erdbebenalarm!« - Wetterauer in Mexiko

Kurz nach 13 Uhr: Mittagessenszeit. Johannes Hofmann bekommt im Restaurant gerade seine Nudeln serviert. Da verliert er plötzlich das Gleichgewicht. Denkt er zumindest – bis er sieht, dass die Lampen an der Decke wackeln und hört, dass draußen Sirenen heulen. Die Erde bebt, versteht der Reichelsheimer jetzt. Es ist Dienstag, 13.14 Uhr. Johannes Hofmann ist in Mexiko-Stadt.
23. September 2017, 06:00 Uhr
Direkt nach dem Erdbeben sind die Straßen in Mexiko-Stadt voller Menschen. (Fotos: pv)

Wenn man nicht weiß, wie sich ein Erdbeben anfühlt, versteht man erstmal nicht, was los ist, erklärt der 28-Jährige. »Der Boden wackelt – das einzige, was sonst immer fest ist. Das muss man erstmal realisieren.« Als in Mexiko am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb eines Monats die Erde bebt, ist der Reichelsheimer genau dort, wo die schwersten Schäden entstehen: in der Hauptstadt Mexiko-Stadt. »Ich habe dort eine Zeit lang studiert, habe viele Freunde und Bekannte dort.« Dass sein Zwischenstopp auf der Heimreise von der Westküste dabei weit mehr werden sollte als nur ein Besuch bei einer Bekannten, wusste der 28-Jährige vorher nicht. Als er jedoch seinen Teller im Vapiano am Paseo de la Reforma nicht mehr festhalten kann, wird ihm klar: Hier stimmt etwas nicht.

 
Fotostrecke: Erdbeben in Mexiko: Zerstörung, Trauer, Fassungslosigkeit

»Zuerst denkt man, dass einem schwindelig wird«, erinnert sich Hofmann an die ersten Sekunden des Erdbebens. Erst, als er erkennt, dass alles um ihn herum wackelt, dass die Menschen beginnen, nach draußen zu laufen, die ersten Sirenen heulen, versteht er, was los ist. Ebenso wie die Menschen um ihn herum lässt auch er alles stehen und liegen und sucht den Ausgang. Von Hektik aber keine Spur: »Das war nicht wie bei einer Panik im Fußballstadion, alle sind kontrolliert nach draußen gelaufen.« Vielleicht, vermutet er, liegt das auch daran, dass nur wenige Stunden vorher eine Übung stattgefunden hat, wie man sich in der Hauptstadt bei einem Erdbeben verhält.

Johannes Hofmann hilft bei der Suche in den Trümmern.

Vor der Tür erwartet Hofmann und seine Begleitung eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse: Eine synthetische Stimme dröhnt aus Lautsprechern: »Erdbebenalarm! Erdbebenalarm!« Tausende Menschen rufen, schreien, Sirenen heulen aus allen Richtungen. Mit den Augen kann der 28-Jährige erst nach und nach erfassen, was um ihn herum geschieht. »In dem Moment, als ich auf ein im Bau befindliches Hochhaus geschaut und gesehen habe, wie die Kräne darauf gewackelt haben, habe ich das erste Mal Angst gekriegt. Ich habe die Kräne schon fallen sehen.« Doch der Reichelsheimer hat Glück: Keines der 50 Gebäude, die bei dem Erdbeben einstürzen, befindet sich in direkter Nähe. Er bleibt unverletzt.

Zuerst waren wir nur erleichtert, dass wir überlebt haben. Bis wir das Ausmaß der Katastrophe realisiert haben

Johannes Hofmann

»Es klingt paradox, aber im ersten Moment waren wir gut gelaunt. Wir waren einfach froh, dass uns nichts passiert war.« Um zu sehen, ob es auch ihren Kollegen gut geht, begleitet Johannes Hofmann seine Bekannte zu dem Bürogebäude, in dem sie arbeitet. Als sie dort stehen und warten, erreichen sie die ersten Bilder aus sozialen Netzwerken. Und realisieren, was tatsächlich passiert ist. »Zuerst waren wir nur erleichtert, dass wir überlebt haben. Bis wir das Ausmaß der Katastrophe realisiert haben.«

Stück für Stück kommen dann die Nachrichten an. Über den Nachrichtendienst Whats-App versucht jeder, Bekannte zu erreichen, verständigt andersherum die Familie, dass es einem selbst gut geht. »Alle hingen am Handy«, erinnert sich der Reichelsheimer. Schon beim Verlassen des Gebäudes hätten die meisten Menschen ihr Smartphone in der Hand gehabt, auch Johannes Hofmann selbst: »Ich habe meiner Familie ein Selfie geschickt, um zu beweisen, dass es uns gut geht.«
 

Auch von der Wetterau aus engagiert sich Johannes Hofmann: Erste Hilfsgüter konnten aufgru...

Doch weil schnell klar war, dass es viele gibt, denen es nicht gut geht, beschließt der Reichelsheimer zu helfen: »In Jeans und Halbschuhen bin ich auf die Straße und habe mich durchgefragt, wo ich etwas tun kann.« Die Polizei navigiert ihn zu einer der Einsturzstellen, schnell wird Hofmann Teil einer Menschenkette. Mit bloßen Händen räumen die Helfer Trümmer weg; dann ein lauter Ruf: »Silencio«. Alle heben den Arm. »Innerhalb von Sekunden war es totenstill, mitten in Mexiko-Stadt«, sagt Hofmann. Das passiert mehrmals – immer dann, wenn die Rettungskräfte glauben, einen Menschen unter den Trümmern zu hören. Zum Glück sieht Hofmann während seines Hilfseinsatzes keine Toten oder Schwerverletzten: »Aber geborgen werden konnte in dieser Zeit leider auch niemand.« Trotzdem: Realisiert hat er das Geschehene auch vier Tage nach dem Erdbeben noch nicht: »Was hätte passieren können, ist immer noch nicht so richtig bei mir angekommen.«

Inzwischen ist Johannes Hofmann wieder in der Wetterau. Helfen möchte er aber auch von hier aus und sammelt daher nun Spenden, die er direkt an Bekannte aus Mexiko weiterleitet, die davon Hilfsgüter wie Medikamente kaufen. Wer helfen möchte, meldet sich per Mail an die Adresse wetterauhilftmexiko@gmx.de oder telefonisch unter 0 17 6/507 39 022.

Info

Das Erdbeben in Zahlen

13.14 Uhr zeigt die Uhr an, als in Mexiko am Dienstag die Erde beginnt zu beben. 7,1 Punkte zeigt die Richterskala. 250 Menschen sind mindestens durch das Erdbeben ums Leben gekommen. 115 davon alleine in Mexiko-Stadt. (vpf)

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