14. November 2018, 19:23 Uhr

»Er wurde nicht zum Racheengel«

14. November 2018, 19:23 Uhr
Die Briefe, aus denen Feridun Zaimoglu zitiert, zeugen von Schikanen und Entbehrungen, beinhalten aber auch viel Mut und Hoffnung. (Foto: lod)

Unzählige Briefe hat Nelson Mandela während seiner 27-jährigen Haftzeit aus dem Gefängnis heraus geschrieben. Erst in diesem Jahr, fünf Jahre nach dem Tod des späteren Präsidenten Südafrikas, wurden über 250 davon von der Nelson Mandela Foundation in einem 750-seitigen Buch herausgebracht und für Lesungen freigegeben.

Bei »Friedberg lässt lesen« las der bekannte Schriftsteller Feridun Zaimoglu am Montagabend im Theater Altes Hallenbad aus dem Buch »Nelson Mandela – Briefe aus dem Gefängnis«. »Für uns war sofort klar, dass er für dieses ernste und wichtige Thema der richtige ist«, sagte Andreas Matlé, Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit der Ovag, die zusammen mit der Sparkasse Oberhessen, der Stadt Friedberg und der Buchhandlung Bindernagel die beliebte Lesereihe veranstaltet. Zaimoglu liest immer wieder in Oberhessen und ist seit zwölf Jahren als Lektor beim Workshop des Jugendliteraturpreises der Ovag tätig.

»Für mich war Mandela ein schöner Mensch«, beantwortet Zaimoglu die Frage Matlés, wie er Mandela sehe. Diese doch etwas überraschende Beschreibung des Anwalts und Kämpfers gegen die Apartheid begründete der Sohn türkischer Gastarbeiter unter anderem so: »Er wurde nach seiner Entlassung 1990 nicht zum Racheengel. Er hat diejenigen, die Rache wollten, im Zaum halten können.«

Für den Schriftsteller spiegelt sich Mandelas Haltung im Gefängnis auch nach der Entlassung in die Freiheit wider. In Mandelas Briefen wird deutlich, dass er immer mit viel Respekt und sehr korrekt schreibt, manchmal aber auch voller Poesie und Liebe, was vor allem in den Briefen an seine Frau Winnie und an die beiden jüngsten seiner fünf Kinder deutlich wird.

Drei dieser Briefe aus den frühen Haftjahren las Zaimoglu sehr eindringlich und intensiv. Mandela tröstet einerseits seine beiden jüngsten Kinder, als seine Frau ebenfalls verhaftet wird, andererseits beschönigt er nichts und macht seinen Kindern nicht allzu viel Hoffnung, dass die Familie bald wieder zusammen sein könnte: »Ich kann Euch nicht sagen, wie lange sie fort sein wird.«

Welche Schikanen Mandela im Gefängnis ausgesetzt war, spiegelt sich in dessen Gesuchen an die Gefängnisleitungen wider. Sachlich, fundiert und höflich bittet er um Untersuchungen durch einen Arzt oder um eine neue Brille. Abgelehnt werden die Gesuche, an der Beerdigung seiner Mutter und Monate später an der Beisetzung seines 24 Jahre alten Sohns Thembi, teilzunehmen.

Staat hatte Angst vor ihm

Im anschließenden Gespräch mit Matlé wird er deutlich: »Wir reden hier von 27 Jahren. Man muss das Leid, das Mandela widerfahren ist, bemessen, und dabei darf man nicht vergessen, dass der Unrechtsstaat Angst vor ihm hatte. Obwohl er weggesperrt war, hatte Mandela die Macht, Menschen zum Widerstand anzustacheln«. Zaimoglu vergleicht Mandela mit Menschen, die die Konzentrationslager im Dritten Reich oder die sowjetische Lagerhölle »Archipel Gulag« überlebt haben und nicht gebrochen sind.

Das Apartheidsystem bezeichnete er als »gottlos«. Er frage sich immer wieder, was es für ein Wahn sei, nur nach der Hautfarbe zu gehen. Zaimoglu: »Dieses System erniedrigte jeden Tag Millionen von Menschen.« Als Perversion sieht der Schriftsteller den Umstand, dass »diese Rassisten sonntags in die Kirche gegangen sind.«

Zum Schluss wurde auch einmal geschmunzelt: »Ich bin der Meinung, dass Politiker keine Bücher lesen sollten. Das bringt sie auf schlechte Gedanken.«

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