15. April 2019, 19:06 Uhr

Er lästert, was das Zeug hält

15. April 2019, 19:06 Uhr
Mehrmals schlüpft der »kleine Mann aus Köln«, wie Thilo Seibel sich selbst nennt, in die Rolle seines Mitpatienten Jegor und erzählt von Zuständen in Schlachtbetrieben. (Foto: lod)

Zu einer psychiatrischen Anstalt wurde die kleine Bühne in der Stadthalle am Freitagabend. »Guten Abend, ihr freiwillig Gekommenen und ihr Eingelieferten«, begrüßte Thilo Seibel die Besucher, die zu seinem aktuellen Programm »Wenn schon falsch, dann richtig,« gekommen waren.

Erst im Laufe des Abends wurde klar, wo sich der Kölner Kabarettist im Morgenmantel befand – und vor allem warum: Nach einem »Blaubeertorten-Attentat« während einer Grünen-Veranstaltung in Köln-Süd auf einen Staatssekretär war er in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert worden.

Satirisch scharf und humorvoll, aber auch spannend und faszinierend erzählt er nicht nur, wie es dazu kam, dass sich so viel Hass in ihm auf die Politik und speziell auf den Staatssekretär gestaut hatte. Bei seiner Tortenwurfrechtfertigung streift Seibel viele politische Themenbereiche, wobei er sich immer wieder realen Fakten und Zahlen bedient. Er zeigt aus seiner Sicht völlig richtig auf, was alles in Politik und Gesellschaft falsch läuft.

Warum er Columbo imitiert

Am Tag, an dem der Brexit ursprünglich stattfinden sollte, zeichnete er gleich zum Auftakt seines Auftritts ein komplexes Szenario des ungeordneten Brexits, wie ihn sich die »rotgesichtigen Tories« wünschen. Warum der Brexit immer wieder verschoben wird, ist für Seibel völlig klar: »Irgendwann haben die Briten vergessen, dass sie austreten wollten.«

Kein gutes Haar ließ Seibel an den deutschen »Polit-Genies«, wie Verkehrsminister Andreas Scheuer, der »mit den SUVs das Klima retten will.« Seine kurzen brillanten Parodien passen exakt in seine Geschichte, so auch die akribisch herausgearbeiteten Unterschiede zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

Aktuelle Themen wie Flüchtlingspolitik, Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel betrachtet Seibel satirisch scharf, wobei der 52-Jährige, der schon vor mehr als 20 Jahren mit dem Duo Seibel und Wohlenberg im Café Kaktus gastierte, immer wieder überraschende Pointen setzt.

Als Inspektor Columbo erklärt er den Zuhörern, dass sich jeder strafbar macht, kauft er für fünf Euro ein in Bangladesch von einem Kind hergestelltes T-Shirt. »Das ist eine konsumbedingte Straftat«, stellt Seibel fest. Er fordert daher hohe Zölle für alle von »abgemagerten Textilarbeitern« nicht fair hergestellten Produkte, damit diese genauso viel kosten wie die teureren unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellten Fair-Trade-Waren. Mehrmals schlüpft der »kleine Mann aus Köln« (Seibel über sich) in die Rolle seines »Mitpatienten Jegor«, einem vermeintlichen Polen, der sich als Ukrainer entpuppt: »Habe ich gemacht Manipulation mit Pass, sind Ukrainer doch letzte Arsch in Deutschland«, witzelt Seibel. In die Anstalt kam der Hilfsarbeiter in einem Schlachtbetrieb, nachdem er in der Konzernverwaltung seinen nicht gezahlten Stundenlohn von 3,70 Euro in der 84-Stunden-Woche einforderte. Seibel gelingt es in dieser Rolle, die für Tier und Arbeiter gleichermaßen unwürdigen Bedingungen in großen Schlachtbetrieben satirisch exzellent aufzuarbeiten, auch wenn den Besuchern bei der Beschreibung der Dauer-Schlachtungen schon mal das Lachen im Hals stecken bleibt. Das gehört bei einem politischen Kabarett jedoch durchaus dazu. So erhielt Seibel für sein brillantes etwas andere Solo-Kabarett-Theater nicht enden wollenden Beifall. Für die Zugabe hatte sich der Kabarettist seine Lieblingsparodie aufgehoben. Als EU-Kommissar Günther Oettinger erklärte er auf »schwäbisch-englisch« den anderen EU-Kommissaren das föderale deutsche Schulsystem.

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