17. November 2017, 09:59 Uhr

Umweltfreundliche Energie

Einmaliges Energie-Projekt in Bad Nauheim

Im Baugebiet Bad Nauheim Süd setzen die Stadtwerke auf eine neuartige Energieversorgung. In dieser Größe ist es ein deutschlandweit einmaliges Projekt. Bei Bauherren herrscht aber noch Skepsis.
17. November 2017, 09:59 Uhr
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Von Bernd Klühs
Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Drausnigg erläutert die »Kalte-Nahwärme-Technik«. Solche großen Kunststoffmatten werden in einer Tiefe von 2,40 Metern eingegraben. Darin enthalten ist ein Gemisch aus Wasser und Frostschutzmittel, das die Erdwärme aufnimmt und zur Wärmepumpe (l.) leitet. (Foto: Wetekam)

Kalte Nahwärme: Klingt im ersten Moment widersprüchlich, kommt einem suspekt vor. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine recht neue Art der umweltfreundlichen Energieversorgung für Heizung und Warmwasser, die in Kürze im Süden von Bad Nauheim zum Einsatz kommt. Von der Größenordnung her ist das Projekt deutschlandweit einmalig.

In Bad Nauheim wird schon immer mit Gas geheizt. Doch im Baugebiet Bad Nauheim Süd, das 2018 erschlossen wird, setzen die Stadtwerke auf eine völlig andere Energieversorgung. »Wir haben den Mut, mit der Kalten Nahwärme neue Wege zu gehen«, sagt Geschäftsführer Peter Drausnigg.


Unterirdisches Netz soll entstehen

Das Gebiet, das 400 Wohneinheiten umfassen wird, soll so mit Wärme und Warmwasser versorgt werden. Weil es sich um eine Art Pilotprojekt handelt, wird beim Bund ein Förderantrag für das Konzept gestellt, außerdem gibt es eine wissenschaftliche Begleitung.

Die Technik ist für Laien verblüffend. Wie der Geschäftsführer und sein Mitarbeiter Rainer Rothaug erläutern, wird im Baugebiet ein unterirdisches Netz entstehen, das seine Wärme aus 600 bis 800 Kunststoffmatten erhält, sogenannten Erdkollektoren. Sie werden 2,40 Meter tief eingegraben und enthalten ein Gemisch aus Wasser und Frostschutzmittel. »Diese Flüssigkeit speichert die Erdwärme, die in dieser Tiefe das ganze Jahr über 10 bis 12 Grad beträgt, und transportiert sie über das kalte Nahwärmenetz in die Häuser«, erklärt Rothaug.


Leistung soll selbst an kalten Wintertagen ausreichen

Wärmepumpen entziehen dem Glykol-Wasser-Gemisch die Wärme und erhöhen die Temperatur. Die gewonnene Energie wird für Heizung und Warmwasser genutzt. Selbst an frostigen Wintertagen soll die Leistung ausreichen. Im Sommer kann das Gebäude um fünf Grad heruntergekühlt werden.

»In extrem gedämmten Neubauten ist Wärme kein großes Thema mehr. Fast wichtiger ist es, im Sommer die Raumtemperatur ohne Klimaanlage zu senken«, sagt Rothaug. Die Kalte Nahwärme arbeite extrem effizient. Beispiel: Bei einem Stromverbrauch von 1000 Kilowattstunden pro Jahr für die Wärmepumpe entstünden gut 5000 Kilowattstunden Wärmeenergie.
 

Ein Zeichen in Sachen Klimaschutz

Nach Aussage des Stadtwerke-Chefs wird es im Neubaugebiet keinen Anschlusszwang an die Kalte Nahwärme geben, er geht aber von einer nahezu kompletten Abdeckung aus. Öl- oder Gasheizungen seien nicht vorgesehen, Pellet-Heizungen oder Luft-WasserWärmepumpen könnten aber installiert werden.

Die Entscheidung, in Bad Nauheim Süd auf Erdgas zu verzichten, ist Drausnigg zufolge vor allem aus Klimaschutzgründen gefallen. »Alle reden über die Energiewende, aber man muss sie machen. Mit diesem innovativen Konzept setzen wir ein Zeichen.«

Im Vergleich zu herkömmlichen Nahwärme-Anlagen würden in Bad Nauheim Süd 400 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart. Möglich wird der Einsatz der Kalten Nahwärme nur, weil sich Grünzonen durch das Gebiet ziehen, unter denen die Erdkollektoren verlegt werden kann. In stark verdichteten Wohngebieten wie dem Hempler wäre diese Form der Energiegewinnung nicht möglich.

Hausbesitzer können autark werden

In Sachen Strom können Hausbesitzer fast autark werden. Das Unternehmen wird Photovoltaikanlagen anbieten, die auf den jeweiligen Bedarf zugeschnitten sind. »Für ein Einfamilienhaus werden Solarmodule mit einer Größe von etwa 40 Quadratmetern auf dem Dach ausreichen«, sagt Stadtwerke-Vertriebsleiter Klaus Tripke. Wer seinen Strom selbst erzeuge und speichere, könne damit auch Ladestationen für Elektroautos versorgen. Die Nachfrage steige ständig.

Wärmepumpe und Photovoltaik bleiben im Eigentum des Unternehmens und werden verpachtet. Vorteil für den Kunden: Er muss die Investition nicht selbst schultern. Teil des Pachtvertrags ist die Wartung. »Der Service ist ein wesentlicher Aspekt. Wir sind rund um die Uhr schnell da, wenn etwa passiert«, erklärt der Vertriebsleiter. Eine bedeutende Rolle spielten dabei die Glasfaseranschlüsse. Dadurch könnten intelligente Stromzähler und andere Geräte eingesetzt werden, die mit der Stadtwerke-Zentrale kommunizieren. Tripke: »Bevor der Hausbesitzer den Fehler bemerkt, wissen wir schon Bescheid.«

Momentan herrscht noch gewisse Sekpsis

Das Stadtwerke-Team wird nun damit beschäftigt sein, Bauherren für die Kalte Nahwärme zu erwärmen. Wie die Technik genau funktioniert, ist laut Drausnigg kaum bekannt, zunächst herrsche eine gewisse Skepsis. Geplant ist deshalb eine breit angelegte Info-Kampagne in Bad Nauheim Süd. 

Infokasten

Investition: 3,5 Millionen Euro

Wie viel die künftigen Bewohner von Bad Nauheim Süd für Heizung und Warmwasser aus der Kalten Nahwärme zahlen müssen, ist noch nicht klar. Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Drausnigg erklärt lediglich, dass für die Kunden wohl etwas geringere Kosten als beim Einsatz einer Gas-Brennwert-Heizung anfallen würden. Gedacht ist im Neubaugebiet an eine WärmeFlatrate. Außerdem entfallen für Hausbesitzer die Anschaffungs- und Installationskosten für den Brenner sowie Wartungs- und Nebenkosten (z. B. für den Schornsteinfeger). In diese neue Art der Energieversorgung wollen die Stadtwerke in Bad Nauheim Süd etwa 3,5 Millionen Euro investieren. Ein Teil dieser Summe kommt möglicherweise durch Fördermittel vonseiten des Landes Hessen wieder rein. Einen durchschlagenden Effekt soll das Konzept für den Klimaschutz haben. Da die Wärmepumpen auf jeden Fall mit Ökostrom betrieben werden – entweder aus der eigenen Solaranlage oder aus dem Netz – entsteht nach Auskunft von Vertriebsleiter Klaus Tripke im Vergleich zur Gasheizung eine CO2-Einsparung von über 90 Prozent.



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