22. Oktober 2017, 06:00 Uhr

Entführung

Einfach in den Wagen gezerrt

Es war im August/September 1952, als Franz Schmidt aus Ossenheim im Alter von 17 Jahren von Amerikanern nach Bamberg verschleppt wurde.
22. Oktober 2017, 06:00 Uhr
Die Maschinenschlosser Franz Schmidt (l.) und Heinz Schneider (r.) bei der Firma Reuss in Friedberg. Wer der Mann in der Mitte ist, ist unbekannt. (Foto: pv)

Das kam nach Angaben der Geschwister Ursel, Helmut und Gretel so: Franz hatte Urlaub und wollte zum Zeitvertreib im Ossenheimer Wäldchen Pilze sammeln. Kurz vor dem Jagdhaus hielt neben ihm ein mit drei Amerikanern besetzter Chevrolet, die Franz nach dem Weg fragten. Während der junge Mann den Weg erklärte, wurde er plötzlich in den Wagen gezerrt, der Fahrer gab Vollgas und fuhr in Richtung Nieder-Florstadt davon.

An der Ilbenstädter Kreuzung kontrollierte die deutsche Polizei den Verkehr, weshalb der amerikanische Fahrer die Geschwindigkeit drosseln musste. Lorenz Krick, Polizeibeamter aus Ossenheim, erkannte Franz, der ihm freundlich zunickte. Es gab für die deutsche Streife keinen Anlass, das amerikanische Fahrzeug anzuhalten.

 

Nächtliche Suchaktion

Unterdessen hatte sich Franz’ Familie überall nach ihm erkundigt, doch niemand hatte ihn gesehen. Am Abend begann eine große Suchaktion mit Taschenlampen, Stalllaternen und Fackeln. Helmut erinnert sich noch sehr gut daran, dass auch das Fahrrad von Franz Haselbauer half, den Waldboden abzuleuchten, indem Haselbauer das Vorderrad anhob und Helmut kräftig drehte. Die nächtliche Suchaktion musste schließlich ergebnislos abgebrochen werden. Doch am nächsten Tag begab sich Lehrer Günther Hoffmann mit allen Schülern erneut auf die Suche – auch diesmal ohne Erfolg. Lorenz Krick hatte nun von der Begegnung an der Ilbenstädter Kreuzung erzählt, die Angst um Franz wuchs ins Unermessliche. 1945 hatte die Familie schon einmal um Franz’ Leben fürchten müssen, als er bei der Vertreibung durch russische Truppen gefangen und bei voller Fahrt von einem Pferdewagen gestoßen worden war.

Bei dem Entführungsfall Jahre später setzten die Amerikaner Franz in Bamberg ab und versprachen, ihn wieder mit nach Ossenheim zu nehmen. Doch Franz wartete vergeblich. Da er kein Geld bei sich hatte, konnte er weder telefonieren noch mit dem Zug nach Hause fahren. Also machte er sich zu Fuß auf den Heimweg. Ein Bäcker nahm ihn bis Würzburg mit und schenkte ihm ein paar Brötchen gegen den größten Hunger.
 

Frohe Kunde aus Würzburg
 

In Würzburg meldete sich der junge Ossenheimer bei der Polizei, die sofort ihre Kollegen in Friedberg verständigte. Der erlösende Anruf, dass Franz kein Leid geschehen war, wurde in der Gastwirtschaft Heil entgegengenommen und erfüllte alle Ossenheimer mit großer Freude und Erleichterung. Heinrich Klippert, Franz` späterer Schwiegervater, erklärte sich spontan bereit, den Gesuchten mit seinem Auto in Würzburg abzuholen. Es hieß, dass sich die Rückkehr wegen der Entführung einige Tage hinziehen werde. Nach drei oder vier Tagen konnten ihn seine Lieben endlich in die Arme schließen.

Irgendwer verpasste dem Heimkehrer den Spitznamen »Bamberger Zwiewel«, und Franz Schmidt wurde noch lange Zeit scherzhaft so gerufen. Ob die deutsche Polizei bei der Militärpolizei in Friedberg Anzeige erstattet hat, ist nicht mehr bekannt. Unklar ist auch, warum die Amerikaner Schmidt nach Bamberg verschleppt haben.

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