30. Januar 2019, 08:00 Uhr

Kriminalfall

Eine Leiche im Wald an der A 5 und viele Fragezeichen

Im Juni 1988 haben Waldarbeiter nahe der A 5 bei Rosbach eine Leiche entdeckt. Ein Fall, den die Kripo in Friedberg nun gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Gießen wieder aufgerollt hat.
30. Januar 2019, 08:00 Uhr
Hauptkommissar Ralf Zentgraf von der Kripo in Friedberg versucht, die Identität der Leiche zu klären. Im Ordner auf seinem Schreibtisch sind alte Phantomfotos zu sehen, am Bildschirm ein neues, das nach der Wiederaufnahme des Falles entstanden ist. (Fotos: Nici Merz/pob)

Was wäre, wenn die Leiche, die im Juni 1988 im Wald bei Rosbach ganz in der Nähe der A 5 entdeckt wurde, heute gefunden würde? Zwischen der Kriminaltechnik von damals und heute liegen Welten. Heute tragen die Ermittler am Fundort weiße Overalls, Mundschutz und Handschuhe, damals im Rosbacher Wald, so ist auf einer Luftaufnahme zu sehen, standen sie ohne all dies am Fundort der Leiche. Einer von vielen Faktoren, denen Hauptkommissar Ralf Zentgraf begegnet, wenn es um die mysteriöse Leiche aus dem Sommer 1988 geht.

2017 hat die Kripo den Fall wieder ausgegraben, die Leiche selbst ruht. Auf einem Friedhof in der Wetterau, an einer anonymen Stelle, die der Polizei bekannt ist. »Wenn ich weiß, wer die Frau ist, werden wir überlegen, ob wir die Frau noch einmal exhumieren«, sagt Zentgraf. Dann könnte man möglicherweise die Knochen nochmal genauer unter die Lupe nehmen. Gerichtsmedizinische Institute in Gießen, Mainz, Berlin, München, Amsterdam und Innsbruck hatten die unbekannte Tote oder Proben von ihr bereits auf dem Tisch liegen.

Die Frage, die sich mir stellt: Was macht eine junge Polin in Südasien – zu der Zeit?

Hauptkommissar Ralf Zentgraf

Alles, was äußerlich auf eine Frau oder einen Mann hätte hindeuten können, war nicht mehr da, und auch sonst fehlte einiges. Deshalb sei es schwer, die Todesursache herauszufinden, sagt Zentgraf. Dass die Frau umgebracht wurde, davon sind die Ermittler überzeugt. Die Art und Weise, wie die Leiche nahe der A 5 platziert war, ließ auf einen unnatürlichen Tod schließen. Zentgraf zeigt zwei Fotos von der Leiche auf dem Bildschirm. Es verwundert nicht, dass die Ermittler hinsichtlich der Identität im Dunkeln tappen.

 

Verwirrung um das Geschlecht

Bevor man die Todesursache oder gar den Täter herausfindet, geht es um etwas anderes: »Die Klärung der Identität ist das A und O«, sagt Zentgraf. Er sitzt an seinem Schreibtisch, wälzt einen dicken Ordner mit Gutachten zur Leiche und Fotos vom Fundort. Einiges hatte sich in den Wochen und Monaten nach dem Fund angesammelt, vieles kam seit 2017 hinzu, als der »Cold Case«, der kalte Fall, wieder heiß wurde. Weil sich Staatsanwaltschaft und Polizei erhofften, dass man mit Hilfe moderner Methoden herausfinden kann, wer da tot abgelegt wurde.

»Das ist die DNA, da hat uns ja schon der Schlag getroffen«, sagt Zentgraf, während er im Ordner blättert. Nach dem Fund wurde die Leiche 1988 ins Gerichtsmedizinische Institut nach Gießen gebracht. Dort kam man zu dem Schluss, es müsse sich um eine Frau handeln. Eine Probe wurde nach Berlin geschickt. Von dort kam dann die verblüffende Nachricht: Es ist ein Mann. Mittlerweile wissen die Ermittler, dass es doch eine Frau war. Der Irrtum beruhte wohl auf einer DNA-Spur am Körper, der von wem auch immer stammen kann. Vielleicht von einem Waldarbeiter, der die Leiche gefunden hat, vielleicht von einem der Ermittler ohne Schutzanzug. »Wer sagt uns denn, dass sie nicht vom Täter war?«, fragt Zentgraf.

 

Der Fundort der Leiche ist mit einem Pfeil markiert. Die Stelle liegt nahe der A 5 neben einem Weg, der damals zwischen Rosbach und Köppern verlaufen ist.
Der Fundort der Leiche ist mit einem Pfeil markiert. Die Stelle liegt nahe der A 5 neben e...

Nach der Wiederaufnahme des Falls wurden viele Hebel in Bewegung gesetzt. An verschiedenen Instituten wurden Isotope und die Strontium-Strahlenbelastung der Leiche untersucht, beides ließ Rückschlüsse zu: Die Frau muss in Südpolen aufgewachsen, nach der Pubertät in der Alpenregion gelebt haben, später in Südasien, etwa in Indien. Wenige Wochen vor ihrem Tod kam die Frau nach Mitteleuropa.

 

Kannte sich derjenige, der die Leiche ablegte, dort aus?

Hat sie hier in der Wetterau gelebt? Wurde sie von jemandem ermordet, der sich auskannte? Jemand, der den Weg zwischen Rosbach und Köppern kannte, an dem die Leiche lag? Oder war es jemand, der zufällig an dieser Stelle der A 5 auf dem Standstreifen hielt und die Leiche ablegte?

»Die Frage, die sich mir stellt: Was macht eine junge Polin in Südasien – zu der Zeit?«, sagt Zentgraf. Die Welt war in Ost und West geteilt, so einfach in den Westen zu reisen war schwierig. Länger zu bleiben noch schwieriger. Und als Polin vom Westen nach Indien fliegen? 1988 nahezu utopisch.

Der Fall ist ein Rätsel durch und durch. Aber Polizei und Staatsanwaltschaft machen weiter, hoffen auf den Durchbruch, darauf, dass sich jemand meldet, der seit spätestens 1988 eine Frau aus Südpolen vermisst, die in der Wetterau einfach abgelegt wurde.

Info

Hoffen auf »Aktenzeichen XY«

Schlank, etwa 1,65 Meter groß, zwischen 1953 und 1963 geboren – das wissen die Ermittler über die tote Frau, die im Juni 1988 im Wald nahe Rosbach gefunden wurde. Weitere Merkmale: mittelbraune gelockte Haare, Schuhgröße 34 bis 35 und 17 Zahnfüllungen mit Silberamalgam. Die Frau hatte einen ausgeprägten Verbiss und Blutgruppe A. Sie trug einen goldfarbenen sternförmigen Ohrstecker, allerdings einen, den es massenweise gab. Neben den umfangreichen gerichtsmedizinischen Analysen und kriminalistischen Theorien setzt die Polizei auf die Öffentlichkeit und auf Kollegen aus aller Welt. Die Erkenntnisse zur Leiche wurden an die Polizei in mehr als 100 Ländern weitergegeben. Zeugenaufrufe wurden gestartet und Meldungen von Vermissten abgeglichen. Allerdings könne man auch nicht davon ausgehen, dass in Osteuropa ein verschwundener Mensch automatisch als vermisst gemeldet werde, wie das hier in den allermeisten Fällen normal sei, sagt Hauptkommissar Ralf Zentgraf von der Kripo in Friedberg.

Eine Theorie war, dass es sich möglicherweise um eine Prostituierte gehandelt haben könnte. In den 80er Jahren seien einige von ihnen im Raum Frankfurt ermordet worden, sagt der Ermittler. Rückstände von Drogen und Medikamenten wären zur damaligen Zeit wahrscheinlich gewesen, hätte es sich um eine Prostituierte gehandelt. Aber: »Die Frau war drogenfrei, die Frau war medikamentenfrei, und Alkohol ließ sich nicht mehr feststellen.« Das auffällige Gebiss mit den 17 Füllungen wurde in einem Fachmagazin für Zahnmediziner veröffentlicht. Es könnte ja sein, dass ein Zahnarzt den Artikel liest und sich an eine Patientin erinnert.

Anfang November erschien in der WZ ein Artikel über die Wiederaufnahme des Falles, am 8. Januar strahlte das ZDF in der Sendung »Hallo Deutschland« einen Beitrag aus, in dem Zentgraf und Staatsanwalt Thomas Hauburger über den Fall sprachen. In zwei oder drei Monaten soll die Leiche aus dem Rosbacher Wald Thema in der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY ungelöst…« sein. Der genaue Sendetermin steht noch nicht fest. Die Hoffnung – zumindest auf die Klärung der Identität der toten Frau – bleibt. In den vergangenen Wochen war diese Hoffnung zwischenzeitlich gestiegen, als sich eine Frau aus Polen meldete: Bei der Leiche könnte es sich womöglich um ihre Großcousine handeln, sagte sie. Diese Spur jedoch lief ins Leere. Die vermisste Großcousine hatte nachweislich im Jahr 2000 noch gelebt. Da war die Frau, mit der sich die Kripo in Friedberg befasst, schon zwölf Jahre tot. (agl)

 

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