02. März 2018, 18:53 Uhr

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

02. März 2018, 18:53 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Spricht frei und druckreif: Herfried Münkler. (Foto: gk)

1618–1648: Der Dreißigjährige Krieg, die deutsche Urkatastrophe schlechthin, hinterlässt Folgen, die menschliches Vorstellungsvermögen weit übersteigen: Die Bevölkerungsverluste belaufen sich im Reich insgesamt auf rund 40 Prozent, in den besonders betroffenen Gebieten wie Pommern/Mecklenburg, Brandenburg/Schlesien, Mittel- und Südwestdeutschland auf über 60 Prozent. Das sind in Relation zur jeweiligen Zahl der Gesamtbevölkerung mehr Tote als auf deutscher Seite im Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammen. Es wird ein Jahrhundert dauern, bis die ökonomischen Folgen des Krieges halbwegs verwunden sind.

Prof. Herfried zu Münkler, der an der Humboldt-Universität Berlin lehrender Politologe und Historiker ist, hat in einjähriger Herkulesarbeit eine 1000-seitige, hochgelobte Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges vorgelegt, die er am Dienstagabend in der Aula der Augustinerschule bei »Friedberg lässt lesen« vor über 300 Hörern vorstellte. »Vorstellen« – das meint, Münkler zog in gut anderthalb Stunden stehend, druckreif sprechend, die großen Linien seines Kriegspanoramas nach.

Aber warum unterzieht man sich als Politologe und Zeitgeschichtler dieser Arbeit? Münkler haben, so stellt er gleich zu Beginn seines Vortrags klar, am Dreißigjährigen Krieg vor allem die zahlreichen Analogien zu aktuellen Konflikten wie dem Bürgerkrieg in Syrien gereizt.

Keine voreiligen Vergleiche

Verbunden war diese Aussage jedoch mit der Warnung vor voreiligen Vergleichen zwischen damals und heute. Überdies sei der Dreißigjährige Krieg, so der Referent, weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschwunden. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges wirke hier noch immer als »Erinnerungsschranke«.

Was seit Schillers Darstellung von 1791 unzulässig vereinfachend »der« Dreißigjährige Krieg genannt werde, sei in Wirklichkeit ein hochkomplexes Phänomen, das aus einer Abfolge verschiedener Kriege mit unterschiedlichen Mächtekonstellationen bestehe – vom Böhmisch-Pfälzischen Krieg 1618–23 bis hin zum Schwedisch-Französischen Krieg 1635–48. Weder die Etikette »Bürgerkrieg« noch »Religionskrieg« werden dem »Kompositkrieg« (Münkler) gerecht.

Aber warum hat diese Folge kriegerischer Auseinandersetzungen so unendlich lange gedauert? Weil sie von außen, das heißt von fremden Mächten wie beispielsweise Schweden und Frankreich immer wieder »befeuert«, mit der ständigen Zuführung neuer militärischer Ressourcen am Leben gehalten worden seien.

Gleiches gelte für den bereits mehrere Jahre wütenden blutigen Bürgerkrieg in Syrien. Die Überlagerung unterschiedlicher Konfliktebenen hält, so Münkler, den Syrienkrieg am Laufen, verhindert bis jetzt einen dauerhaften, alle Seiten einbeziehenden Frieden. Die Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg drängen sich geradezu auf.

Erst nach 26 Jahren – 1644 – begannen seinerzeit die sich über vier Jahre hinziehenden Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück, die dem Reich einen halbwegs stabilen inneren Frieden brachten und zumindest für die nächsten etwa 100 Jahre ein relatives Mächtegleichgewicht auf dem Kontinent herzustellen vermochten.

Münklers Ausführungen – ein höchst gelungenes Beispiel vergleichender Geschichtsbetrachtung – stießen auf lang anhaltenden Beifall des faszinierten Auditoriums.



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