07. März 2017, 20:00 Uhr

Hohe Hürde

Ein zynischer Gruß am Eingang

Ein Zettel mit dem Aufdruck »ihre herzlich-willkommen-bank« klebt an der Tür der Postfiliale in Bad Nauheim. Klaus Müller muss das als Verhöhnung empfinden, denn der Rollstuhlfahrer kommt nicht rein.
07. März 2017, 20:00 Uhr
Stopp an der Stufe: Klaus Müller fühlt sich nicht herzlich willkommen. (Foto: Nici Merz)

Das Treffen mit Klaus Müller vor dem Gebäude im Ernst-Ludwig-Ring, das Post und Postbank beherbergt, sorgt für großes Interesse. Hilfsbereite Bürger wollen dem Mann aus Nieder-Mörlen die Eingangstür aufhalten und ihm mit seinem Gefährt über die Stufe helfen. Ein zweiter Rollstuhlfahrer hält an, kritisiert ebenfalls die mangelnde Barrierefreiheit. Ein dritter älterer Herr sitzt auf seinem Rollator auf dem Bürgersteig und wartet. Müller macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: »Für einen Konzern wie die Post ist dieser Zustand eine Sauerei.« Vor der Tür wartet die erste unüberwindliche Hürde in Form einer Stufe auf den 60-Jährigen. Würde ihm jemand in die Filiale helfen, stünde er vor einer steilen Treppe. Rollstuhlfahrer haben auch keine Chance, an Bargeld zu kommen. Zwar ist an der Fassade ein Bankomat angebracht – aber viel zu hoch.


Gespräch ohne Ergebnis

Müller, der seit 35 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, war früher Kontaktstellenleiter des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter in Bad Nauheim. In dieser Funktion hatte er sich vor zehn Jahren an den damaligen Chef der Stadtmarketing GmbH, Ulrich Schlich-Thaerle, gewandt, um das Post-Problem anzugehen. »Er hat ein Treffen vor der Filiale organisiert. Einige hohe Herren kamen, doch der Immobilieneigentümer fehlte.« Möglichkeiten eines barrierefreien Zugangs seien besprochen worden – ohne Ergebnis.

Für einen Konzern wie die Post ist dieser Zustand eine Sauerei.

Klaus Müller

Dabei gibt es nach Ansicht des 60-Jährigen eine Lösung, die sich mit relativ geringem Aufwand realisieren ließe. Postkunden, die ins Gebäude gehen, stehen vor einer Wand, rechts führt die Treppe hoch zum Schalterraum und den Postbank-Büros. Auf der linken Seite dieser Wand, in der Ecke könnte laut Müller ein Behindertenaufzug installiert werden, mit dem Rollstuhlfahrer problemlos auf die obere Ebene gelangen könnten. Die Kosten schätzt Müller auf höchstens 15 000 Euro. Die Stufe vor dem Gebäude könnte mit einer flachen Rampe entschärft werden.


Appell an Bürgermeister

»Von der fehlenden Barrierefreiheit sind nicht nur Schwerbehinderte, sondern auch Leute mit Rollator oder Kinderwagen betroffen«, sagt der 60-Jährige. Für Kunden, die nicht ins Gebäude gelangen können, gibt es an der Fassade eine Klingel. Angesichts des großen Andrangs, der oft in der Post herrscht, kann sich jeder vorstellen, wie lange jemand vor der Tür warten muss. Außerdem ist dieser Service in erster Line für Leute gedacht, die ein Paket abgeben wollen. Sie werden dann in den Hof geschickt, wo es eine Rampe für DHL-Fahrer und Briefträger gibt. Dort kann das Paket abgegeben werden. »Diese Klingel hilft nicht viel. Was ist, wenn ich ein Beratungsgespräch mit einem Mitarbeiter der Post oder der Bank führen möchte?«, fragt der Rollstuhlfahrer.

Auch der Weg aus Richtung Innenstadt über den Ernst-Ludwig-Ring ist nach Aussage Müllers nicht vernünftig gestaltet. Auf den ersten Blick sieht alles ordentlich aus: Am Fußgängerüberweg ist der Bürgersteig abgeflacht. »Das ist gut gemeint, aber die Abflachung ist so steil, dass ich mit dem Stuhl nach vorne kippe, wenn ich vorwärts über die Straße rollen möchte.«


Bürgermeister zum Handeln aufgefordert

Für Behinderte mit einem großen Elektrorollstuhl erweise sich zudem der Ampelmast als Hindernis, der mitten vor der Bürgersteigabflachung platziert ist. Müller muss ganz außen rum fahren – vom Ernst-Ludwig-Ring (Karlsbrunnen-Seite) über die Kurstraße (Richtung Trinkkuranlage), dann über den Ernst-Ludwig-Ring und wieder über die Kurstraße. »Schon« steht er vor der Post.

Müller ist angesichts dieser Zustände froh, in Nieder-Mörlen zu wohnen. Die Postagentur im Kaufland-Markt ist seinen Angaben zufolge vorbildlich barrierefrei gestaltet. Der 60-Jährige fordert Bürgermeister Armin Häuser auf, sich des Themas Postfiliale anzunehmen. Schließlich habe der Rathauschef Barrierefreiheit zur »Chefsache« erklärt.

Das würde wahrscheinlich auch eine ältere Dame aus der Kernstadt begrüßen, die kürzlich ihre eigenen Erfahrungen mit der Post gesammelt hat. Der nicht behinderten 71-Jährigen wurde von DHL ein schweres Paket der Telekom geliefert. Ein Großteil der Sendung musste allerdings zurückgeschickt werden. Im Gegensatz zu anderen Zustellfirmen holt DHL Pakete nicht wieder ab. »Ich erhielt die Auskunft, dass dieser Service nur Firmenkunden angeboten wird.«

Sie musste das schwere Paket also zur Postfiliale bringen – theoretisch. Die alleinstehende Frau hätte das Paket vielleicht mit ihrer Einkaufshilfe hinter sich her ziehen können. »Dann hätte ich vor dem Gebäude gestanden. Um es die Treppe hoch zu tragen, war das Paket zu schwer«, sagt die 71-Jährige. Klingeln und ewig warten wollte sie auch nicht. »Wenn einer Zeit hat, wird geholfen«, habe sie in der Filiale als Auskunft erhalten. Von der Telekom gab es dann eine erfreuliche Nachricht. Der Konzern erklärte sich bereit, die Taxirechnung zu übernehmen, um das Paket so zur Post zu bringen.


Post verweist an Immobiliendienstleister

Bei einer Anfrage an die Post ist der Zuständige nicht ganz einfach zu finden. Wie sich der Antwort von Ralf Palm (Pressesprecher Postbank) entnehmen lässt, gehört das Gebäude einem Privatmann, der es an einen Immobiliendienstleister vermietet hat. Diese Firma stellt es der Postbank zur Verfügung, die Post ist quasi Untermieter. »Das Thema Barrierefreiheit spielt für die Postbank eine große Rolle. Unser Ziel ist es, die Zugänge zu den bundesweit über 1000 Finanzcentern so barrierefrei wie möglich zu gestalten«, erklärt Palm. Vor Jahren sei es vonseiten des Immobiliendienstleisters zu einem Ortstermin mit einem Architekten und dem Gebäudeeigentümer gekommen.

Das Resultat dieser »Abstimmungen« ist dem Pressesprecher allerdings nicht bekannt. Geändert hat sich jedenfalls nichts. Die Frage, ob es der Postbank nicht möglich sei, in Bad Nauheim ein barrierefreies Haus anzumieten, lässt Palm offen. Potenzielle Standorte würden nach Kriterien wie Größe und Lage, Zufahrtsmöglichkeiten für Lkw oder Barrierefreiheit ausgewählt. »Nicht immer können alle Kriterien zu einhundert Prozent erfüllt sein. Hier müssen wir bereit sein, Kompromisse einzugehen.« Der Pressesprecher hat die WZ-Anfrage zum Anlass genommen, das Immobilienmanagement um eine Prüfung des Sachverhalts zu bitten – Ergebnis offen.

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