23. November 2017, 20:41 Uhr

Feridun Zaimoglu

Ein wilder Ritt durch Luthers Zeiten

»Ihr Verstand hängt ihnen wie eine schmutzige Schleppe am Arsch«. So redet Landsknecht Burkhard in Feridun Zaimoglus »Evangelio«. Ob der Autor selbst auch so spricht?
23. November 2017, 20:41 Uhr
Wie im Fieberwahn hat Feridun Zaimoglu seinen Roman »Evangelio« geschrieben. Mit einem Lächeln liest er daraus vor. (Foto: gk)

»Ihr Verstand hängt ihnen wie eine schmutzige Schleppe am Arsch«. Der sich dieser »grobianischen« Sprache bedient, ist Landsknecht Burkhard in Feridun Zaimoglus jüngst erschienenem Luther-Roman »Evangelio«. Das Werk kreist um die zehn Monate Luthers als »Junker Jörg« auf der Wartburg bei Eisenach, wohin ihn sein Landesherr, Friedrich der Weise von Sachsen, Anfang Mai 1521 nach einer Scheinentführung in Sicherheit bringen ließ. Luther nutzt die Zeit, das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche zu übertragen – um damit nicht nur in die Theologie-, sondern auch deutsche Literaturgeschichte einzugehen.

Zaimoglu, mehrfach preisgekrönt, beehrte am Montagabend Friedberg mit seinem Besuch, um nach einem aufschlussreichen Gespräch mit Ovag-Pressesprecher Andreas Matlé die ersten knapp 20 Seiten seines Romans vorzulesen. Die zweite Hälfte des Abends war dem Gespräch des zahlreich erschienenen Publikums mit dem Autor gewidmet.

Warum noch einen Luther-Roman – nach einer Vielzahl einschlägiger Publikationen anlässlich der 500. Wiederkehr des Wittenberger »Thesenanschlags«? Ihm gehe es vornehmlich um Luther als »Verdolmetscher«, als Sprachschöpfer – sagt Zaimoglu in seiner Antwort auf Matlés Frage. »Der Meister«: Mit diesem – ganz unironisch gemeinten – Ehrentitel erweist der Autor dem Reformator seine Reverenz. In bewusst tiefer Stimmlage beginnt Zaimoglu die Lesung – weitgehend ein innerer Monolog des katholischen (!) Landsknechts Burkhard, der »Junker Jörg« als eine Art Bodyguard in Hassliebe verbunden ist. Als missratener Kaufmannssohn vermag sich der »Reisige« – im Unterschied zu seinen Spießgesellen – erstaunlich eloquent auszudrücken. Zaimoglu schwelgt, nicht nur was Burkhard betrifft, geradezu exzessiv im grobianischen »Starkdeutsch« der frühen Neuzeit – keinen Unterschied zwischen den Sprachebenen Luthers und Burkhards machend. Apokalyptische Weltuntergangsängste bestimmen sein Fühlen und Denken – ähnlich dem tagtäglich mit dem Leibhaftigen ringenden Luther. Zaimoglus Hörer werden auf einem schwindelerregenden Parforceritt durch eine Welt mitgerissen, die einer Hölle auf Erden zu gleichen scheint. Bilder von Hieronymus Boschs apokalyptischen Landschaften drängen sich auf; spätestens nach fünfzehn Minuten Dauerstaccato beginnt sich langsam ein großes Mühlrad im Kopf zu drehen. Ist das des Verfassers Absicht?

Die von Zaimoglu gelesenen Eingangsseiten seines Lutherbuches präsentieren einen Reformator, der alles, nur kein Revolutionär, keine irgendwie geartete Lichtgestalt ist. Hätte so einer das Zeug gehabt, Weltgeschichte zu schreiben? Trotz seiner drei antijudaistischen Spätschriften war »Junker Jörg« auf der Wartburg (noch) kein Judenhasser, wie Zaimoglu insinuiert.

Er habe seinen Roman, so Zaimoglu im Gespräch mit dem Publikum, in wenigen Monaten »wie im Fieberwahn« – ohne große nachträgliche Korrekturen – geschrieben. »Wie im Fieberwahn«: Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen.

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