23. Juni 2018, 15:00 Uhr

Abschied vom Vater

Ein letztes Mal zu Hause

Karlheinz Gräf war zehn Jahre alt, als er seinen Vater das letzte Mal sah. 1944, Konrad Gräf war zu Hause bei Frau und Kindern in Klein-Karben. Doch er musste bald wieder weg.
23. Juni 2018, 15:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Der letzte Spaziergang führte Richtung Rendel. Der Fronturlaub neigte sich dem Ende zu, der Vater musste wieder zurück an die Front. Er nahm seine beiden Söhne, acht und zehn Jahre waren sie alt, und ging mit ihnen spazieren. Karlheinz Gräf erinnert sich noch gut daran. Es war das letzte Mal, dass er seinen Vater gesehen hat. 1944. Zum Abschied sagte Konrad Gräf zu seinen Kindern: »Ich werde Euch nicht mehr wiedersehen.« Zur Mutter sagte er: »Ich werde nicht mehr heimkommen. Das können wir nicht schaffen.«

Konrad Gräf war lange genug an der Front, er wusste, was ihn erwartet, wenn er zurückkehrt. Kurz nach seinem Urlaub zu Hause starb er auf der Halbinsel Kertsch.

Daran, wie die Todesnachricht übermittelt wurde, erinnert sich sein Sohn Karlheinz noch immer. Damals gab es sogenannte Ortsgruppenleiter – »ein Mitglied der NSDAP, die in jedem Ort ihre Spitzel hatte, die die Post abgefangen haben«. Jener Ortsgruppenleiter in Klein-Karben kam zur Familie Gräf, sagte, er habe keine guten Nachrichten zu überbringen. »Wir haben als Kinder nicht so richtig verstanden, was das bedeutet.« Es dauerte eine Weile, bis den Kindern klar war: Der Vater wird nie wiederkommen.

Die Söhne wachsen in Klein-Karben auf. Viele Jahre später wird Karlheinz Gräf Schiedsrichter und leidenschaftlicher Sportzeitschriftenleser sein. Er sammelt die Magazine. Alle auf einem Stapel. Vor wenigen Wochen macht sich seine Frau an die Stapel. Zum Sortieren. Ganz unten findet sie ein einen Umschlag mit einem Brief sowie ein Foto. Auf der oberen Ecke des Briefs stehen Datum und Ort.

Saßnitz, den 1.10.41

 

Meine Lieben,

Ich will auch schnell einige Zeilen schreiben, damit Ihr auf ein Lebenszeichen von mir nicht lange wartet. Ich bin noch auf deutschem Boden und befinde mich außerordentlich wohl. Wir sitzen hier fest in einem Durchgangslager der Marine, und es ist schon der 3. Tag. Es kann sein, daß es heute vielleicht weiter geht, aber nicht die Strecke, wo ich nach Hause fuhr. Was eigentlich vorliegt, kann und darf ich auch nicht schreiben, jedenfalls geht es wieder zurück, wie ich bei meinen Truppenteil komme, kann ich nicht sagen.

 

Der vierseitige Brief ist unterzeichnet mit »Euer Pappa«. Konrad Gräf hat ihn an seine Söhne Winfried und Karlheinz sowie an seine Frau Christine, Dini genannt, geschrieben.

 

Das einzige, was ich hier vermisse, ist mein schönes Bett, was ich zu Hause hatte, an Essen fehlt es nicht, da hast Du, liebe Dini, zu gut vorgesorgt. Ich möchte Dir hiermit noch einmal herzlich danken für alles Gute, und die schönen Tage und Stunden werde ich so schnell nicht vergessen. Mein Kamerad Arthur aus Rendel ist auch noch bei mir, wir liegen auf einer Stube. Sonst ist es hier gut auszuhalten, und wir beide haben schon einige schöne Stunden verlebt, und man vergißt ein bisschen das Heimweh. Hoffentlich reichen meine Zigaretten.

 

Wohin Konrad Gräfs Weg führte, was das Ziel war (Wer weiß, wie lange ich noch unterwegs bin, bis ich ankomme), lässt sich heute nicht mehr sagen. Übrig sind nur ein paar der von ihm verfassten Zeilen.

 

Liebe Dini. Wie bist Du mit den beiden Teufeln nach Hause gekommen, hat es ihnen leid getan, daß ich weg mußte? Ich glaube, daß es Dir auch ein wenig leid tut, nun bist Du wieder allein und hast viel Arbeit nachzuholen (...). Zu Deiner Halsgeschichte wünsche ich Dir alles Gute und hoffe, daß Du alles gut überstehst. Gehe in ein richtiges Krankenhaus und ziehe es nicht so lange hinaus, denn es muß sein, damit Du mir und den Kindern noch lange Frau und Mutter sein kannst.

Hiermit will ich nun schließen, danke Dir nochmals herzlich für alles Gute, das Du mir getan hast, und bitte Dich, an alle Freunde und Bekannte herzliche Grüße zu bestellen.

 

Karlheinz Gräf hat seinen Vater nicht oft gesehen. Aber er kennt die alten Geschichten. Zum Beispiel, dass Kuno, wie der Vater genannt wurde, einer der »Roßmarktbrüder« war – eine Gruppe junger Männer, die 1935 einen Freundschaftsbund schlossen und im ganzen Ort bekannt waren. Doch dann kam der Krieg. Einmal noch, Ende der 40er, trafen sich die »Roßmarktbrüder«. Nicht alle waren zurückgekommen. Ihre Geschichte jedenfalls, sagt Karlheinz Gräf, wird in Klein-Karben noch immer erzählt.

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