11. November 2017, 08:00 Uhr

John von Düffel

»Ein gewisser Fetisch«

Nie hat er sich so allein gefühlt wie in der Schule. Deshalb ist Autor John von Düffel froh, kein Schüler mehr zu sein. Im Interview spricht er über seine Erinnerungen.
11. November 2017, 08:00 Uhr
»Ein Klassenbuch-Eintrag war damals praktisch Ehrensache«, sagt Autor John von Düffel. In seinem neuen und gleichnamigen Roman haben sich die Zeiten geändert.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Schulzeit?

John von Düffel: Meine persönlichen Erinnerungen sind sehr gemischt, wie vermutlich bei den meisten Menschen. Es gab schöne, aber auch quälend peinliche Momente. Es gibt aber eine Wahrheit dieser Zeit des Erwachsenwerdens, die über das hinausweist, was man »Pubertät« nennt, und das ist die Wahrheit der Isolation. Zu keiner Zeit meines Lebens habe ich so tief empfunden, dass ich allein auf der Welt bin. Und diese Isolation sehe ich auch bei vielen Schülern heute, obwohl sich deren Leben und der Schulbetrieb in vielen Punkten sehr geändert hat.

Was verbinden Sie mit dem klassischen Klassenbuch, nach dem Ihr Roman benannt ist?

Düffel: Es ist ein gewisser Fetisch. Und eine letzte Bastion der Ordnung. Im »Klassenbuch« stehen zunächst mal alle – und dieses sehr unfreiwillige soziale Netzwerk namens Schulklasse ist in diesem Buch zumindest vereint, auch wenn die Fliehkräfte dieser Zwangsgemeinschaft ansonsten sehr groß sind.

Hatten Sie jemals Klassenbuch-Einträge?

Düffel: Ich fürchte ja. Das war damals praktisch Ehrensache.

Es ist ein spezieller Kosmos dem Sie sich widmen. Einer 11. Klasse. Die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein. Was sollen die einzelnen Figuren repräsentieren?

Düffel: Der Befund ist zunächst mal, dass diese neun Schülerinnen und Schüler bei allen Überschneidungen und Berührungspunkten ein sehr verschiedenes Leben führen. Jeder hat eine sehr eigene Stimme, eine sehr eigene Geschichte und verbindet sich in seiner Einsamkeit oder Losgelöstheit nur stellenweise mit der Gruppe. Das Paradoxe an unserer Zeit ist: Wir haben so viel Kommunikation, aber auch so viel Isolation wie nie zuvor. Wir haben so viele Gruppen, Netzwerke, Zugehörigkeitsangebote und gleichzeitig mehr Vereinzeilung denn je.

Wären Sie gerne noch einmal in der 11. Klasse?

Düffel: Lieber nicht. Ich kann für mich wirklich sagen, dass Leben und Arbeiten danach immer besser und selbstbestimmter wurden. Gleichzeitig aber erleben die Elftklässler von heute nicht nur etwas, von dem wir Erwachsenen sagen würden, das geht vorbei. Was die digitale Welt angeht, sind sie den Älteren ja oft weit voraus. Die Zukunft, die diese Jugendlichen sind, hat schon begonnen.

Sind Jugendliche auch Ihrer Erfahrung nach, die Leser dieses Buches?

Düffel: Ich habe den Roman nicht für eine Zielgruppe geschrieben und er ist auch gewiss kein Jugendbuch. Aber ich würde mich natürlich freuen, wenn Schülerinnen und Schüler das Buch lesen und sich mit ihren fiktiven Mitschülern in »Klassenbuch« auseinandersetzen. Ich habe eine ganze Reihe von Schullesungen damit gemacht und habe auch noch einige vor mir. Das war toll! Und die Schülerinnen und Schüler haben ernsthafter und diskussionsfreudiger reagiert, als ich mir das je hätte träumen lassen.

Man fühlt sich an die klassischen Schülerromane wie Hermann Hesses »Unterm Rad« erinnert. Ist das beabsichtigt?

Düffel: Es würde mich sehr freuen!

In Ihrem Roman spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. In welcher Weise hat das die (Schüler)Welt verändert?

Düffel: Das Ausmaß dieser Veränderung für die (Schüler)Welt und unser Zusammenleben in Familie und Gesellschaft kann im Moment, glaube ich, niemand so richtig absehen. Wir erleben eine digitale Revolution im wahrsten Sinne einer großen Umwälzung. Und man muss sich genauso hüten, eine rosarote Brille dabei aufzusetzen wie vor Schwarzmalerei. Mit »Klassenbuch« habe ich versucht, diesen Veränderungen kritisch, aber nicht kulturpessimistisch nachzugehen.

Welche Reaktionen bekommen Sie vom Publikum bei Ihren Lesungen?

Düffel: Es gibt meist sehr intensive Gespräche über die angesprochenen Themen und es diskutieren alle mit, auch die jüngeren Semestern. Denn die sind ja die eigentlichen Experten dessen, was auf uns zukommt.

Info

Lesung am Mittwoch

In John von Düffels Roman »Klassenbuch« beschäftigt sich eine 11. Klasse im Deutschunterricht mit der Fontaine-Fabel von der Grille und der Ameise. 19 sehr unterschiedliche Jugendliche umfasst die Klasse: Halbe Kinder und frühreife Erwachsene, Spinner und Digitalnerds, Schulschwänzer und Hochbegabte, Suizidgefährdete und Magersüchtige, Selbstdarsteller und Verschwindende. Lauter isolierte, einsame Gehirne, die auf die gemeinsame Geschichte reagieren, an deren Ende einer dieser Schüler nicht mehr da sein wird. John von Düffel wird bei »Erlesenes in Bad Nauheim« am Mittwoch, 15. November, um 19.30 Uhr im Sprudelhof, Badehaus 2, lesen. Veranstaltet wird der Abend von der Buchhandlung am Park. (pm)

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