09. Oktober 2018, 12:00 Uhr

Wohnungssuche

Ein Wetterauer aus Eritrea: Geflohen, integriert, aber ohne Wohnung

Nach seiner Flucht aus Eritrea ist Jemal Neir Muhamed in der Wetterau angekommen - aber nur fast. Er spricht Deutsch, ist Azubi in Rosbach, aber als Mieter will ihn offenbar niemand.
09. Oktober 2018, 12:00 Uhr
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Von Eva Diehl , 6 Kommentare
Ein starkes Team: Im Lager des Medizintechnik-Unternehmens Nihon Kohden in Rosbach unterstützen Warehouse-Leiter Hans-Dieter Rill (l.) und seine Kollegen den neuen Auszubildenden Jemal Neir Muhamed – bei der täglichen Arbeit, aber auch bei Berufsschule und Wohnungssuche. (Foto: edg)

Zwischen den meterhohen Regalen im Rosbacher Lager der Medizintechnik-Firma Nihon Kohden läuft Jemal Neir Muhamed geschäftig hin und her. Mit einem Zettel in der Hand geht der 24-jährige Auszubildende zielstrebig zu einem Regalboden, holt einige Päckchen aus einer nummerierten Box und verstaut sie in einem Karton. »Diese Anschlusskabel schicken wir nach Frankreich. Hier auf der Liste stehen Anzahl und Empfänger«, sagt er, macht einen Haken auf dem Zettel und klebt den Karton zu. Ein Kollege läuft vorbei und grüßt freundlich. Muhamed winkt zurück. »Jemal ist jetzt Teil meines Warehouse-Teams«, sagt Lagerleiter Hans-Dieter Rill über den Flüchtling aus Eritrea. »Er ist angekommen – aber leider nur fast.«

Was dem engagierten Vorgesetzten Kopfzerbrechen bereitet: Sein Azubi findet keine Wohnung. »Er muss endlich raus aus dem Flüchtlingsheim«, sagt Rill. Dort habe er weder Privatsphäre, noch könne er ruhig schlafen. Zudem habe er mittlerweile einen Laptop und Arbeitskleidung unterzubringen. Um dem jungen Mann zu helfen, habe er schon mit etwa zehn Vermietern telefoniert – ohne Erfolg. Die Gespräche seien immer gleich verlaufen. Erst seien die Vermieter sehr interessiert am Azubi, für den der Chef extra zum Hörer greift. Doch sobald klar sei, dass der Azubi ein Flüchtling ist, redeten sie sich heraus und sagten ab. »Es ist deprimierend«, sagt Rill.

Ein bisschen Ruhe und vielleicht neue Leute kennenlernen, das wäre schön

Jemal Neir Muhamed, Azubi mit Mirgationsgeschichte

Muhamed lebt in der Flüchtlingsunterkunft in Niddatal-Ilbenstadt. Aus seinem Heimatland Eritrea ist er vor rund vier Jahren geflohen, weil er nicht als Soldat in den Krieg ziehen wollte. In Afrika arbeitete er als Bäcker und Mechaniker. In Deutschland absolvierte er Sprachkurse und mehrere Praktika. In das Rosbacher Lager kam er vor gut vier Monaten als Zeitarbeiter. Er erwies sich als zuverlässiger Mitarbeiter, und Rill schlug dem Unternehmen, das ohnehin keine geeigneten Bewerber finden konnte, vor, ihn als Azubi einzustellen. Seit Mitte August ist der 24-Jährige nun einer von zwei Azubis am Standort und auf dem Weg zum Facharbeiter für Lager und Logistik.

 

Vermieter mit Vorurteilen

Die Kollegen unterstützen den 24-Jährigen nicht nur bei der Wohnungssuche, sondern auch im puncto Berufsschule. Keine leichte Aufgabe für den Eritreer, der nur drei Jahre eine Schule besucht hat. Ein Kollege, der erst kürzlich die Ausbildung abgeschlossen hat, hilft beim Berichtsheft. Rill hilft mittags oder nach Feierabend bei den Hausaufgaben und wälzt dafür ebenfalls Schulbücher. »Das macht man nicht für jeden«, sagt Rill. »Aber Jemal ist fleißig und hat sich das erarbeitet.« Integration gelungen, könnte man denken. Wäre da nicht die Sache mit der Wohnung.

»Ich habe so viel Unterstützung nicht erwartet«, sagt Muhamed. Er sei den Kollegen dafür sehr dankbar. Angesprochen auf die Wohnung sagt er: »Ein bisschen Ruhe und vielleicht neue Leute kennenlernen, das wäre schön. Es ist schwierig, aber ich wünsche es mir.« Derzeit teile er ein Zimmer mit einem Mann aus Somalia, der allerdings eine andere Sprache spreche. Die Küche nutze er mit zwölf Personen, ebenso wie das Badezimmer. Mit dem Arbeitsrhythmus passe das nicht immer zusammen. Gelegentlich kämen spät abends Gäste, und die Küche sei oft stundenlang belagert, so dass er nach Feierabend nicht einmal eine Pizza in den Ofen schieben könne. Kritik kommt dem zurückhaltenden Eritreer dennoch nicht über die Lippen. Rill dagegen sagt: »Das ist nicht tragbar.«

Die Flüchtlinge bekommen jetzt den Ärger der Menschen auf die Regierung zu spüren

Der Autor

Warum sagen so viele Vermieter dem jungen Mann ab? Viele Menschen hätten ein falsches Bild von Flüchtlingen, unterstellten allen Terroristen oder Gewalttäter zu sein, schätzt Rill. Muhamed kann die Sorgen der Vermieter verstehen, sagt aber: »Die meisten haben Respekt, sind dankbar und wollen nur hier arbeiten und leben.« Rill: »Die Flüchtlinge bekommen den Ärger der Menschen auf die Regierung zu spüren.« Vieles sei falsch gelaufen. Dabei brauche das Land die Flüchtlinge, um dem Fachkräftemangel und der überalternden Gesellschaft zu begegnen. »Deutschland sagt: Wir schaffen das. Das glaube ich auch. Aber man muss auch den Weg dafür ebnen.«

Info

Die Firma Nihon Kohden

Nihon Kohden produziert Medizintechnik von EKGs über Defibrillatoren bis zu Patientenmonitoren. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Tokyo zählt weltweit rund 3700 Mitarbeiter, von denen etwa 100 am Standort Rosbach arbeiten. Von dem Zentrallager mit rund 2000 Quadratmetern in der Wetterau werden Geräte an Ärzte, Kliniken und andere Kunden in ganz Europa verschickt. Nicht nur die Handelspartner des Unternehmens sind international, auch die Belegschaft. »Deutsche, Afrikaner, Inder, Japaner – wir haben Mitarbeiter vieler verschiedener Nationalitäten«, sagt Doris Werner, Kommunikationschefin bei Nihon Kohden in Rosbach. »Das empfinden wir als große Bereicherung.«

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