11. April 2019, 19:55 Uhr

Gemeinwohlökonomie

Ein Unternehmen wird »enkeltauglich«

Mehr Umweltschutz, bessere Arbeitsbedingungen, eine Wirtschaft ohne Gewinnmaximierung – diese Ziele würde jeder unterschreiben. Die Umsetzung im Betrieb ist allerdings eine Herausforderung.
11. April 2019, 19:55 Uhr
Wollen immer mehr Bürger für das Prinzip der Gemeinwohlökonomie gewinnen: (v. l.) Info-Chef Wolfgang Kring, Studentin Nadja Schneider, Petra Zahay und Peter Mahla (beide GWÖ-Gruppe Wetterau). (Foto: Nici Merz)

Kurz hinter der Grenze des Wetteraukreises, im Kloster Arnsburg, ist das Institut für Organisationen (Info GmbH) zu finden. 20 Mitarbeiter beraten Firmen in Sachen Personalauswahl und Weiterbildung. Eine idyllische Lage, aber nicht ideal, wenn ein Betrieb nach Maßstäben der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) umgekrempelt werden soll. »Unsere Berater sind viel unterwegs, sollen Bahn und Bus nutzen, um die CO2-Belastung zu vermindern«, erklärt Info-Geschäftsführer Wolfgang Kring. Die Mitarbeiter bekommen zwar eine Bahncard, müssen vom Kloster aus aber erst mal einen Bahnhof erreichen.

Eines von vielen Problemen bei der Umstellung auf GWÖ. Diplom-Psychologe Kring denkt intensiv darüber nach, wie soziale und ökologische Nachhaltigkeit besser mit Marktwirtschaft in Einklang zu bringen ist. Seit Monaten sind er und sein Team damit beschäftigt, viele der 20 GWÖ-Ziele in Sachen Menschenwürde, Solidarität/Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit oder Transparenz umzusetzen. Unterstützung erhalten sie von Nadja Schneider, die Wirtschaftspsychologie studiert und ihre Masterarbeit über Gemeinwohlökonomie schreibt. Ein halbes Jahr lang ist sie in der Info GmbH tätig. Ende 2019 soll das Institut gemeinwohlbilanziert sein. »Ein sehr aufwendiges Verfahren. Alle Angestellten machen freiwillig mit. Fünf Arbeitsgruppen wurden gebildet«, sagt Schneider.

Lieferketten kaum zu durchschauen

Aber was bedeutet das Konzept konkret? Das veränderte Mobilitätsverhalten ist in einer Beratungsfirma ein wichtiger Punkt. Ein anderer ist das Durchchecken der Lieferanten. »Wir stellen auf Ökostrom um, wollen nur Öko-Materialien benutzen, kaufen Fairtrade-Kaffee ein«, betont Kring. Das ist einfach zu bewerkstelligen. Aber wie kann ein kleiner Betrieb »superintransparente Lieferketten« (Schneider) nach Kriterien wie Arbeitsbedingungen oder ökologische Nachhaltigkeit analysieren? Kaum machbar, weiß der Chef. »Eine ›Schwarzliste‹ von Lieferanten gibt es noch nicht. Aber wir kooperieren zum Beispiel nicht mit Amazon, wegen der schlechten Arbeitsbedingungen.«

Ganz wichtig fürs Gemeinwohl-Konzept seien richtige Finanzpartner, sagt Petra Zahay, Koordinatorin der GWÖ-Gruppe Wetterau. Die Info GmbH arbeitet mit kommunalen und genossenschaftlichen Banken zusammen. »Geschäftsbank ist die Volksbank Mittelhessen, ein Teil der Rücklagen wird bei der GLS-Genossenschaftsbank angelegt, die besonders auf Nachhaltigkeit achtet«, erläutert Kring. Eine Kooperation mit der Deutschen Bank, die in viele Skandale verwickelt ist, würde die Firma vielleicht ablehnen.

Noch komplizierter: Die Info GmbH hat Hunderte von Kunden. Ob sich alle Geschäftsbeziehungen mit den GWÖ-Prinzipien vereinbaren lassen, ist unklar. Zur Kundschaft gehören etliche Banken. Die Info GmbH weiß nicht im Detail, ob diese Unternehmen etwa Kredite für Projekte bereitstellen, die in der Dritten Welt die Natur zerstören. Oder ob sie Aktienfonds betreiben, mit denen Anleger Geld in fragwürdige Rüstungsgeschäfte stecken.

Apropos Rüstungsgeschäfte: Info-Kunden sind auch Betriebe, die Waffen und Munition produzieren. »Wir haben eine sehr kritische Haltung zu Rüstungsexporten, bemühen uns aber um eine differenzierte Betrachtung und sind gegen Verteufelung«, unterstreicht der Geschäftsführer. Rüstungsgüter würden benötigt. Es mache keinen Sinn, deutsche Konzerne abzulehnen, um Waffen aus Ländern wie China oder Russland zu beziehen.

Stichwort »Solidarität«. Jedes Jahr stellt die Info GmbH ein Budget für kostenlose Beratungstätigkeit bereit. In den Genuss kommen »arme« Organisationen aus dem Umwelt- oder Sozialbereich, etwa eine Brennpunktschule oder der WWF.

Kring will die GWÖ-Richtlinien nicht eins zu eins umsetzen, sondern die Bilanz der Firma schrittweise verbessern. Wichtig sei es, sich der Gewinnmaximierung zu verweigern und das Wohl aller im Auge zu behalten. Dazu gehört laut Petra Zahay, Folgekosten von Investitionen nicht auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Von radikalen Ansätzen, wie der Gewinnverteilung an alle Mitarbeiter, hält Kring nichts. »Jeder kann Miteigentümer werden und Verantwortung tragen. Einige Mitarbeiter sind Anteilseigner.«

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