24. März 2018, 16:00 Uhr

Andreas Maiers Roman »Die Universität«

Ein Student am Rande des Stumpfsinns

Der Ich-Erzähler besucht die Universität, doch immer wieder zieht es ihn in die Wetterau: In Friedberg stellte der Schriftsteller Andreas Maier seinen neuen Roman »Die Universität« vor.
24. März 2018, 16:00 Uhr
wagner_jw
Von Jürgen Wagner
Magische Begegnung vor der Stadtkirche Friedberg: »Im selben Augenblick, in dem ich vom Süden her in die Vorhalle trete und mir scharfer, frostig kalter Wind entgegen fährt, sehe ich vom Osten her die Buchhändlertochter in der Halle erscheinen. Sie ist nur ein schwarzer Schemen, dennoch erkenne ich sie sofort.« (Fotos: Nici Merz)

Funktioniert das Mikrofon?« Ja, Andreas Maier war gut zu verstehen, am Donnerstagabend in der Ovag-Hauptverwaltung bei der Lesung aus seinem Roman »Die Universität«. Bei früheren Auftritten im Rahmen der Reihe »Friedberg lässt lesen« spürte man mitunter eine Distanz zwischen Autor und Publikum. Auch diesmal wurde im Anschluss an die Lesung nur eine Frage gestellt, doch von Entfremdung war wenig zu spüren. Maier wirkte aufgeweckt, las lebendig und unterhielt sein Publikum 75 Minuten lang glänzend. »Der schreibt fantastisch und liest wunderbar vor«, meinte eine Zuhörerin.

jw_maier_240318
Und manchmal spricht der "innere Meta-Ebenen-Kuckuck«: Andreas Maier. (Foto: jw)

Friederike Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel stimmte das Publikum mit der Bemerkung ein, der Titel lasse vermuten, dass der Protagonist nun Friedberg verlässt. Und sie selbst bzw. die ihr nachempfundene (und von daher nicht identische!) Figur der Buchhändlertochter außen vor ist? Von wegen! Die Sehnsuchtsfigur des Erzählers bestimmt Auftakt und Ende des Romans.

Der Meta-Ebenen-Kuckuck

Wir schreiben das Jahr 1988. Der Philosophie-Student Andreas hört Stimmen (»mein innerer Meta-Ebenen-Kuckuck«), irrt umher, beobachtet in einem Philosophie-Seminar seine Kommilitonen, leidet an Magenkrämpfen und an Nesselsucht. Eine Hautärztin erklärt ihm, er sei auf sich selbst allergisch. Nachdem alle anderen Hausärzte (»Kleinschmidt, Hassinger, Klingelhöfer«) ratlos waren, sucht er einen melancholisch wirkenden Internisten namens »D.« auf. Dieser erklärt ihm in einem hochkomischen Dialog, er habe keine Ahnung, was sein Problem sei, hilft ihm aber mit einem einfachen Ratschlag.

Den Internisten gibt es, wenn auch mit anderem Namen, aber bei Dr. Klingelhöfer war Maier nie Patient, wie er nach der Lesung verriet. Es ist Teil seines Erzählprinzips, Lokalkolorit einzubauen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich diese Geschichten in und um Friedberg, die 24 Hallen oder das Brautportal der Stadtkirche auch genauso abgespielt haben. Letzteres heißt bei Maier »Hochzeitsportal«: Fiktion und Wirklichkeit sind eben nicht eins, die Literatur erhebt ihren eigenen Wahrheitsanspruch.

Erste Schreibversuche

Das Publikum in Friedberg erwartete genau diesen Lokalkolorit und wurde mehr als belohnt. Ein beständiges Kichern war während der Lesung zu hören. Maier ist ein glänzender Stilist, der aus einer Szene, in der nahezu nichts passiert, ein funkelndes Kabinettstück voller verrückter Beobachtungen machen kann. Sein Held taumelt »am Rande der Stumpfsinnigkeit« durch seinen ichbezogenen Alltag, macht erste Schreibversuche, scheitert an den eigenen Rollenspielen und wurstelt sich doch irgendwie weiter durchs Leben. Irgendwohin muss das am Ende doch führen, es kann ja nicht alles sinnlos sein. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

 

Infobox

Friedberger Lokalkolorit

Auszüge aus Andreas Maiers neuem Buch »Die Universität«, sechster Teil der Romanreihe »Ortsumgehung«: » ;... ich glaube, es war eine jener Phasen, in denen ich wochenlang mit keinem sprach (außer abends im Lascaux, unserer Kellerkaschemme, in der wir herumlungerten, aber auch da saß ich inzwischen meistens schweigend).« – Der Erzähler steht vor dem Brautportal der (protestantischen) Stadtkirche: »...und noch in der Generation meines Großvaters, des Steinmetzes, hieß es für uns Katholiken, wer über die Schwelle dieser Kirche tritt, begehe eine Todsünde. Als Kind verstand ich das so: Man fällt auf der Schwelle tot um.« – »Was die Magenkrämpfe anging, so fand ich, ohne die Ursachen zu kennen, ein vorläufiges Therapeutikum. Wenn die Krämpfe aufs heftigste angewachsen waren, machte ich mich auf den Weg zum Jugoslawen (Europa Grill, Friedberg, Wolfengasse, da waren wir schon in meiner Kindheit hingegangen), bestellte dort fettes Essen, Schafskäse und Bratkartoffeln, und trank dazu so schnell wie möglich zimmerwarmes Bier und Sliwowitz. Nach einigen Minuten lösten sich die Krämpfe.« – »...denn wie immer war da nichts da, was zu erzählen gewesen wäre, außer bloßen Behauptungen über eine der Buchhändlertochter ziemlich ähnliche Frauengestalt, in der angeblich alles irgendwie zusammenkommen würde als Lösung sämtlicher Welträtsel.« (Auswahl: jw)



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos