29. April 2018, 17:00 Uhr

Verschollen

Ein Leben lang auf der Suche

Am 10. November 1939 wird Willi Müller eingezogen. Am 11. November 1939 kommt seine Tochter Karin zur Welt. Sie wird ihr Leben lang versuchen, herauszufinden, wie und wo er gestorben ist.
29. April 2018, 17:00 Uhr
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Von Sabrina Dämon
Feldpostbrief aus Ungarn

Die Schrift in der Adresszeile ist verschmiert. »Bestimmt von den Tränen meiner Mutter«, sagt Karin Holler. Sie holt den Brief aus der Folie. Das letzte Lebenszeichen ihres Vaters. Geschrieben am 2. Januar 1945. Danach hört Karin Hollers Mutter nie wieder etwas von ihrem Mann. »Sie hat ihr ganzes Leben gewartet.«

 

Der Brief von Willi Müller kommt aus Ungarn.

 

Meine liebe Frau, meine lieben Kinder!

Heute muss ich endlich mal ein Lebenszeichen von mir geben. Hoffentlich werdet Ihr diesen Brief überhaupt erhalten. Wie Ihr sicherlich im Radio gehört habt, sind wir eingeschlossen. Wir wollen hoffen und wünschen, dass wir noch aus diesem Hexenkessel herauskommen. Das ist mein einziger Wunsch. Mir ist es oft so schwer ums Herz, wenn ich an Euch Lieben denke.

 

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Karin Holler besitzt nur wenige Dinge, die an ihren Vater erinnern. Die Spieluhr hat er ei...

 

Am 10. November 1939 wird der damals 34-Jährige eingezogen, am 11. November wird seine Tochter Karin geboren. Etwas früher als erwartet, wie sie erzählt. Karin Holler und ihre drei Geschwister leben mit der Mutter in Magdeburg. Kurz vor der Bombadierung, am 16. Januar 1945, gehen sie zu Verwandten in die Lüneburger Heide, wo Karin Holler auch aufwachsen wird. Der Vater, erzählt sie heute, ist in ihrer Erinnerung ein Foto, das in der Wohnung stand. »Ich habe oft mit dem Bild gesprochen. Wenn ich etwas nicht durfte, habe ich den Papa auf dem Bild gefragt. Dann bin ich zur Mama und habe gesagt: ›Der Papa sagt aber ja.«

 

Eine Melodie als Erinnerung

 

Einmal nur, erzählt Karin Holler, hat sie ihren Vater gesehen. Weihnachten 43. Vier Jahre alt war sie damals, das jüngste von vier Kindern. Ihre Erinnerung ist sehr vage, bloß eine Momentaufnahme ist geblieben. Und eine Melodie – die der Spieluhr, die der Vater aus Ungarn geschickt hat. Ein kleines Kästchen, der Schlüssel zum Aufziehen liegt darin. »Wir haben sie immer an Weihnachten aufgezogen.«

 

Ich habe jetzt schlimme acht Tage verlebt. Was ich alles durchgemacht habe, möchte ich Euch nicht schildern. An Heiligabend hatten wir schon unsere Sachen gepackt und dachten, wir würden noch herauskommen. Aber leider nicht. Wir haben ja alle noch die Hoffnung, daß wir noch befreit werden (...)

Meine Gedanken sind immer bei Euch. Auf ein Wiedersehen grüßt und küsst Euch herzlich, Euer stets an Euch denkender Papa

 

 Karin Holler weiß wenig über die Umstände seines Todes. Sie hat von den historischen Ereignissen gelesen – von der Schlacht um Budapest, davon, wie die Rote Armee im Dezember 1944 Budapest vollständig eingeschlossen hatte. Am 11. Februar versuchten die deutschen Truppen, aus der Stadt auszubrechen, viele Männer gerieten in Gefangenschaft.

Immer wieder hat Karin Holler sich mit dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Verbindung gesetzt. Sie weiß heute: Willi Müller geriet wahrscheinlich in Budapest in Gefangenschaft. Dort starb er vermutlich an Bakterienruhr, eine Krankheit, die häufig im Krieg vorkam.

 

Kontakt mit dem Suchdienst

 

In einem Schreiben, das Karin Holler 1981 nach einer Anfrage vom Deutschen Roten Kreuz erhält, steht: »Alle bisherigen Ermittlungen des DRK-Suchdienstes lassen aber nur die Schlußfolgerung zu, daß der Verschollene in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verstorben ist.«

Als 1986 die Mutter von Karin Holler stirbt, lässt sie auf dem Grabstein auch den Namen des Vaters eingravieren. Bis heute jedoch hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, noch eine Spur zu finden, etwas über die Umstände zu erfahren, unter denen ihr Vater gestorben ist. »Vielleicht gibt es noch andere Hinterbliebene, deren Angehörige in Budapest waren.«

 

Die Puppe, die aus Ungarn kam

 

Einmal in den Jahren kurz nach dem Krieg gab es einen kurzen Moment der Hoffnung. Die Nachricht, »ein W. Müller ist zurückgekehrt«, erreichte die Familie – »es war ein anderer.«

Karin Holler lebt heute in Friedberg. Die Liebe hat sie in die Wetterau verschlagen. In ihrem Haus bewahrt sie die wenigen Erinnerungsstücke auf, die den Krieg überstanden haben. Die Spieluhr. Und das Nachthemd einer Puppe, die der Vater ebenfalls aus Ungarn an seine Tochter geschickt hat. »Die Puppe ist nicht mehr da, nur noch das Nachthemd.« Immer, wenn sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern in den Luftschutzbunker musste, erzählt sie, hat sie der Puppe dieses Hemd angezogen – »weil wir zum Schlafen hinuntergegangen sind«.



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