Wetterau

Ein Kreuz aus Radkappen

Diesen Aufruf macht die Kirche nicht allzu oft: Sie suchte Kreuze, in jeglicher Form. Sogar kaputte durften dabei sein. Daraus sollte eine einmalige Installation werden: »Wir haben mit zehn oder 15 gerechnet. Es sind über 50 geworden. Das ist toll«, sagte Joachim Albert, der Vorsitzende des Kunstvereins am Donnerstagabend in der Burgkirche.
18. März 2019, 20:18 Uhr
Harald Schuchardt
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Diesen Aufruf macht die Kirche nicht allzu oft: Sie suchte Kreuze, in jeglicher Form. Sogar kaputte durften dabei sein. Daraus sollte eine einmalige Installation werden: »Wir haben mit zehn oder 15 gerechnet. Es sind über 50 geworden. Das ist toll«, sagte Joachim Albert, der Vorsitzende des Kunstvereins am Donnerstagabend in der Burgkirche.

Albert ist Kurator der »Sichtweisen«, der alljährlichen Ausstellung in der Passionszeit in der Burgkirche. Gezeigt werden dieses Jahr keine Gemälde, sondern fünf Installationen des Mannheimer Künstlers Michael Volkmer, der ebenso zur Vernissage gekommen war, wie Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender und Professor Hans Gercke, langjähriger Vorsitzender des Kunstvereins Heidelberg.

Im Mittelpunkt der Ausstellung »5 x +« – ausgesprochen: Fünf mal Kreuz – steht das Kreuz. »Das ist ein wenig anders, als das was wir in den Vorjahren gesehen haben«, sagte Pfarrerin Claudia Ginkel in ihrer Begrüßung.

Mit Spannung erwartet sie die Reaktionen auf die Kunstwerke mit den bearbeiteten Kreuzen, die nun in einem ganz anderen Umfeld zu sehen sind. Bewusst werden fünf Arbeiten gezeigt, für jede der fünf Passionsandachten in den folgenden Wochen eine.

Nach den kurzen Begrüßungen von Ginkel und Albert ging Professor Hans Gercke ausführlich auf das Thema Kunst in der Kirche sowie auf die Arbeit und die gezeigten Werke des 1966 in Mannheim geborenen Künstlers, dessen Wirken er seit vielen Jahren verfolgt, ein.

Kreuz aus Radkappen

»Eine Kirche ist kein beliebiger Ausstellungsraum, kein neutraler White Cube« sondern ein mit ästhetischen und historischen Werten geladener Bereich«, sagte der Kunstprofessor. In der klassizistischen Burgkirche auszustellen, setze Takt und Fingerspitzengefühl voraus, was Volkmer habe, meinte der Laudator und sagte weiter: »Die Qualität dieser Kirche setzt Maßstäbe.«

Diese habe Volkmer in seinen fünf Installationen, die für den Laudator schon mal kabarettistische Züge haben, erreicht. Ausführlich ging Gercke auf die zweiteilige Installation mit den Kruzifixen ein. Dazu nutzte der Künstler die beiden gegenüberliegenden großen Nischen an Süd- und Nordwand der Kirche. Volkmer hat die Figuren, die an den Kreuzen hingen, von diesen getrennt und mit weißer Farbe bearbeitet. Gercke sagte dazu: »Man mag das als Blasphemie ansehen, richtiger erscheint mir aber, die unbestreitbare Schönheit und Stimmigkeit der Installation und ihr Einklang mit der Architektur wahrzunehmen.«

Gleiches gilt auch für das Kreuz zwischen Gestühl und Altar. Auf einem von Ulrich Hausmanns aus Ober-Mörlen eigens gefertigten Podest bilden vier von unten angestrahlte Radkappen ein Kreuz. Für Gercke ist dies eine gelungene, schöne Form von Recycling. Der Künstler hat die Radkappen geschliffen, in Holz, wie es im Küchenbau verwendet wird, gefasst und schließlich mit einer hellen Elfenbeinfarbe, wie man sie aus den Küchen der 1950er Jahre kennt, lackiert.

Von der Empore herab scheint eine übergroße Handpuppe, ein Pastor mit Kreuz in der Hand, das Treiben in der Kirche zu beobachten. Auf einem Kreuz hat Volkmer ein Warnschild der Bahn mit dem Symbol für »Durchgang verboten« installiert und schließlich die Umrisse des Gekreuzigten aus einer Holzplatte geschnitten und diese im Vorraum über den Toiletteneingang gehängt.

Der Ausstellungseröffnung folgte nach einer Pause die erste Passionsandacht, die von Sabine Dreier (Flöte) und Kantor Ulrich Seeger (Klavier) ebenso musikalisch umrahmt wurde, wie zuvor die Vernissage.

Die weiteren Passionsandachten finden an den kommenden vier Donnerstagen jeweils um 19 Uhr in der Burgkirche statt. Im Mittelpunkt steht jeweils eine der fünf Installationen der Ausstellung, die durch die EKHN-Stiftung, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Sparkasse Oberhessen gefördert wird.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Ein-Kreuz-aus-Radkappen;art472,566231

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