28. Februar 2019, 13:00 Uhr

100 Jahre alt

Ein Jahrhundert Wetterau: Thea Schäfer aus Ilbenstadt feiert 100. Geburtstag

Thea Schäfer blickt auf 100 Jahre Wetterau zurück: Sie ist im Ilbenstädter Schlossbezirk geboren, hat Kräuter für den Friedberger Markt gebunden und während des Krieges geheiratet. Am 28. Februar feierte sie 100. Geburtstag.
28. Februar 2019, 13:00 Uhr
Für Thea Schäfer, hier Ende der 40er Jahre im Garten des Chausseehauses, ist die Natur immer Hobby und Berufung gewesen. (Fotos: pv/jsl)

Von ihrem Zimmerfenster im Wöllstädter Seniorenheim kann Dorothea Schäfer das Leben draußen beobachten, wie es seinen alltäglichen Gang nimmt: Besucher des Hauses biegen mit ihren Autos auf den Parkplatz ein, Mütter mit ihren Kindern nutzen den nahe gelegenen Weg nach Ober-Wöllstadt und manchmal macht sich sogar jemand auf dem Fitness-Parcours fit für den Frühling.

Von ihrem Sessel aus erfreut sich die Seniorin an solchen Beobachtungen. Das ist ihr Lieblingsplatz – und gerade jetzt, wo die Sonne zum ersten Mal in diesem Jahr wieder die Haut erwärmt, sitzt sie dort Stunde um Stunde. Gut möglich, dass sie viele der Szenen bald wieder vergessen hat. Mit dem Kurzzeitgedächtnis klappt es leider nicht mehr so gut. Vielleicht sind es auch eher Erinnerungen, die vor ihren Augen vorüberziehen. Die wiederum dürften in der Summe fast für zwei Leben reichen.

Heute, am 28. Februar wird Dorothea Schäfer 100 Jahre alt. Für Freunde, Bekannte und Verwandte ist sie einfach nur »Thea« oder »Tante Thea«. Von ihren jüngeren Geschwistern und Freunden wurde sie auch »Hennesy« genannt. Aber auch das ist eine Erinnerung, die fast schon verblasst ist. Das Geburtsdatum, der 28. Februar, hat ihr übrigens immer gut gepasst. Einmal meinte sie mit dem ihr eigenen Humor: »Wäre ich nur einen Tag später geboren, hätte ich ja nur alle vier Jahre Geburtstag.«

 

Im Ilbenstädter »Schlossbezirk« geboren

1919 wurde sie als fünftes Kind der Eheleute Georg und Luise Bruder im Ilbenstädter »Schlossbezirk« geboren. Das Haus im unteren Torbogen war ihr Elternhaus. Direkt daneben befand sich der Schlossgarten der Grafen zu Altleiningen-Westerburg, in dem Schäfers Vater Georg seit 1912 als Gärtner angestellt war. Mutter Luise Bruder diente als Köchin. Thea war das erste Kind, das in Ilbenstadt zur Welt kam. Die wesentlich älteren Geschwister waren in Neckarsteinach geboren; Theas älteste Schwester sogar in Gaggenau.

Auch in Neckarsteinach hatte die Familie eine Gärtnerei bewirtschaftet. Direkt am Neckar habe diese gelegen, weiß Schäfer aus Erzählungen zu berichten. Um das Jahr 1909 sei sie abgebrannt. Die Groß-Karbener Kindergartenleiterin Christine Jordan, ihre Tante, hatte dann beim Grafen einen Neuanfang für die Familie möglich gemacht.

 

Bruder sollte Gärtnerei übernehmen

Nach dem Weggang der Grafenfamilie im Jahr 1923 wurde der Schlossgarten aufgeteilt: Einen Teil bekamen die neu eingezogenen Benediktinermönche, den anderen Schäfers Eltern. »Das Gemüse, das sie zogen, verkaufte meine Mutter in Friedberg auf dem Markt. Freitags musste ich immer helfen, die Kräuter zu bündeln«, erzählte die Jubilarin vor einigen Jahren im Ilbenstädter Kirchenblättchen. »Anfang der 40er Jahre kauften meine Eltern das Chausseehaus mit der Gärtnerei an der Straße nach Bruchenbrücken. Mein Bruder Walter sollte die Gärtnerei mal übernehmen, aber er fiel 1942 in Russland mit nur 20 Jahren.«

Die Natur war immer ihr Hobby und ihre Berufung. Zu Hause kümmerte sie sich um die Anpflanzungen des Chausseehauses, beruflich arbeitete sie als Gärtnerin im Assenheimer Mühlgarten und später bei der Caritas im ehemaligen Ilbenstädter Schloss. Den Nachnamen Schäfer nahm Thea 1943 bei der Heirat mit Wilhelm Schäfer an. Doch diese Kriegsehe stand unter keinem guten Stern und wurde 1950 kinderlos geschieden.

 

78 Jahre lang in Ilbenstadt

78 Jahre lang lebte Thea Schäfer in dem Chausseehaus mit geradem Blick auf Ilbenstadt und seine Basilika. Im unteren Bereich des Gebäudes, wo früher Fuhrleute rasteten und das Chausseegeld bezahlt wurde, befanden sich die Wohnräume; die ehemalige Schankstube war ihr Schlafzimmer. Das Alleinsein ist für die Rentnerin reine Gewohnheit gewesen. »Solange ich allein bin, kann mich auch niemand ärgern«, sagt sie.

Früher liebte sie es, bei einem Gläschen Wein Bücher und Zeitung zu lesen. Heute, wo das Lesen nicht mehr so gut funktioniert, lässt sie sich die Artikel gerne vorlesen.

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