30. September 2017, 06:00 Uhr

Horlofftalbahn

Ein Geburtstag voller Hoffnung für die Horlofftalbahn

120 Jahre Horlofftalbahn werden groß gefeiert. Dabei liegt der Jubilar seit fast 15 Jahren im Koma. Eckhard Wolf aus Berstadt setzt sich dafür ein, dass der Patient wieder zu sich kommt.
30. September 2017, 06:00 Uhr
Der Berstädter Eckhard Wolf hofft auf die Reaktivierung der Teilstrecke von Hungen nach Wölfersheim. Am 4. April 2003 fuhr dort der letzte Zug. (Foto: sto)

Von einem »Freudentag für einen großen Theil der Wetterau« sprach der Oberhessische Anzeiger am 2. Oktober 1897: Mit der Eröffnung der Bahnstrecken von Friedberg nach Nidda und Hungen war der Osten der hessischen Kornkammer »dem Weltverkehr näher gerückt«. Abgesehen von den Weltkriegsjahren hielt der Fortschritt, was er versprochen hatte: Die Bahn brachte die Hungener, Inheidener, Berstädter, Wölfersheimer, Beienheimer in einer bis dahin kaum für möglich gehaltenen Zeit nach Friedberg und Frankfurt. Noch in den 1950er Jahren wurde in die Horlofftalbahn investiert, die Höchstgeschwindigkeit auf 50 Stundenkilometer erhöht, ein neuer Schienenbus eingesetzt. Doch bald danach dünnte die Bundesbahn ihr Angebot auf den Nebenstrecken immer weiter aus, an den Wochenenden fuhren bald gar keine Züge mehr. 1983 fiel zum ersten Mal das Wort »Stilllegung«.

Eckhard Wolf hat die besten Zeiten und die schwärzesten Momente der Horlofftalbahn miterlebt. Der heute 62-jährige Berstädter war nach dem 4. Schuljahr aufs Gymnasium nach Hungen gewechselt – mit den Kameraden ging’s jeden Morgen zum Bahnhof und am Mittag zurück.

Brechend volle Züge

Das war Mitte der Sechziger, die Züge waren brechend voll, in den anderen Zeiten machte sich die Konkurrenz des Autos schon deutlich bemerkbar. Mitte der Siebziger fuhr der Abiturient Wolf nach Friedberg in die Lehre. Schon zu dieser Zeit, erzählt er, sei ihm und den Mitreisenden aufgefallen, dass die Bahn die Strecke zu vernachlässigen schien – in die Gleisanlagen und die Bahnhöfe sei kaum investiert worden.

Eisenbahnfan Wolf blieb der Bahn treu, als er nach der Ausbildung nach Frankfurt wechselte. In Beienheim oder Friedberg stieg er um, dann ging’s direkt zum Hauptbahnhof. Parallel dazu begann sein Engagement für die Schiene, in der Arbeitsgemeinschaft zum Erhalt der Horlofftalbahn arbeitet er mit, im Berstädter Arbeitskreis Dorfentwicklung ist er für den Personennahverkehr zuständig. Da auch die Landkreise Gießen und Wetterau die Bemühungen der Fahrgastverbände unterstützten, konnte die Strecke 1997 ihr Hundertjähriges feiern, doch dann brach die Unterstützung aus Hungen weg: Die Bahnschranken mitten im Ort waren lästig.

Während der Ast nach Nidda weitgehend unangetastet blieb, geriet der Abschnitt von Beienheim nach Hungen ins Visier der Ökonomen. Fahrgastbefragungen der Bahn-Befürworter belegten indes ein großes Interesse: Etwa 500 Personen stiegen Ende 2002 täglich in Hungen, Inheiden und Berstadt ein und aus, die meisten in Berstadt. Bahn und Politik ließen sich jedoch nicht umstimmen. 2001 plädierte der Rhein-Main-Verkehrsverbund für eine Kappung der Teilstrecke Wölfersheim-Hungen. Am 4. April 2003 um 19.53 Uhr fuhr der letzte Zug in Hungen ein. Auch Berstadt war damit Geschichte, die Strecke endet seither in Wölfersheim, nach Hungen fahren nur noch Busse.

Kostenpunkt: 10 Millionen Euro

Eckhard Wolf und seine Pendlerkollegen hatten fortan nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Mit dem Auto können sie nach Wölfersheim oder Dorheim zum Bahnhof fahren, sie können rund um den Friedberger Bahnhof auf Parkplatzsuche gehen, oder sie fahren gleich bis nach Frankfurt. Wolf sagt »Ein ökologisches Desaster«. Und mit dem Bus müssen sie jeden Tag bangen, dass sie ihren Zug nicht verpassen. Wer auf öffentliche Verkehrsmittel setzt, ist zwischen Berstadt und Frankfurt-Hauptbahnhof täglich knapp drei Stunden unterwegs, aus Hungen noch ein wenig länger. Wer das Auto wählt, steht regelmäßig im Stau auf der A 5.

Dass der 130. Geburtstag wieder mit einem gesunden Jubilar gefeiert werden kann, hofft nicht nur Eckhard Wolf. Die Signale dafür stehen günstig. 2022 soll der Beienheimer Bahnhof umgebaut sein, dann könnte es ohne umzusteigen von Hungen nach Frankfurt gehen – in 45 Minuten. In einer Kosten-Nutzen-Analyse erachtet die Intraplan Consult GmbH die Wiederinbetriebnahme der Horlofftalbahn für sinnvoll; von den zehn Millionen Euro würde das Land 80 Prozent übernehmen.

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