29. Juli 2017, 12:00 Uhr

Ehe für alle

Echte Liebe, echte Ehe – egal, ob schwul oder hetero

»Schwule werden immer nur auf Sex reduziert«, ärgert sich Manfred Scheid-Varisco. Was ihn mit seinem Partner verbindet, geht weit darüber hinaus. Deshalb werden die beiden nun bald heiraten.
29. Juli 2017, 12:00 Uhr
Stefan Varisco (l.) und Manfred Scheid-Varisco freuen sich, dass mit der »Ehe für alle« ein Stück mehr Gleichberechtigung für Homosexuelle kommt. (Foto: Potengowski)

Es ist scheinbar nur ein Wort. Ab 1. Oktober können Homosexuelle, die bisher ihre Beziehung nur als Lebenspartnerschaft registrieren lassen konnten, eine Ehe schließen. Dieser Schritt zu mehr Gleichberechtigung ist in manchen Bereichen der Gesellschaft heftig umstritten. Der Büdinger SPD-Vorsitzende Manfred Scheid-Varisco und sein langjähriger Partner Stefan berichten, was die Gesetzesänderung für sie bedeutet.

»Die Partnerschaft war die Ehe zweiter Klasse«, betont Scheid-Varisco. Dennoch sei auch ihre Einführung einst ein Fortschritt gewesen. »Das war die einzige Möglichkeit, verbindlich füreinander einzustehen.« Dass jetzt auch Homosexuelle eine echte Ehe führen können, ist für ihn das Zeichen, dass der Gesetzgeber Schwulen und Lesben nicht nur gleiche Pflichten auferlegt, sondern auch gleiche Rechte, etwa bei der Adoption, zugesteht.«

 

Seit zwölf Jahren ein Paar

 

Seit zwölf Jahren sind die beiden ein Paar. Damit widerlegen sie in ihrem Alltag das Vorurteil über Schwule mit häufig wechselnden Sexualkontakten. Die durchschnittliche Ehe zwischen Mann und Frau wird in Deutschland nach rund 14 Jahren geschieden. Und auch sonst entsprechen Scheid und Varisco nicht dem Zerrbild, das viele von Schwulen haben.

»Wir leben konservativer als manche Familien«, erklärt Scheid. »Die Ehe ist nicht nur die Verbindung von Mann und Frau, die Ehe ist auch für ewig«, ergänzt Varisco. »Da regen sich Leute über die Ehe für Homosexuelle auf, die schon vier Ehen hinter sich haben.«

Da regen sich Leute über die Ehe für Schwule auf, die schon vier Ehen hinter sich haben

Stefan Variscor

»Als Kind hast Du ein Bild vermittelt bekommen von Schwulen mit Handtäschchen und Tatata«, erinnert er sich. »Das bin ich nicht.« Die Wohnung des Paares ist dementsprechend genauso gewöhnlich wie die beiden und ihr Leben selbst.

»Wir haben selber Kinder«, berichtet Scheid und widerlegt in einem Nebensatz das Vorurteil gegen Homosexuelle als Eltern. »Die sind beide heterosexuell.« Damit ging für Scheid und Varisco ein großer Wunsch homosexueller Paare schon früh in Erfüllung, allerdings auf einem Irrweg, wie beide heute meinen.

 

Was mit der Freundin anfangen

 

»Ich weiß, seit ich 16 Jahre alt war, dass ich auf Männer stehe«, erklärt Scheid. Aber wegen seiner konservativen Erziehung und weil er auf dem Dorf lebte, konnte er keine Partnerschaft nach seiner Neigung suchen. »Der Druck in einer ländlichen Struktur war extrem. Was hast Du gemacht? Du hast was mit einer Freundin angefangen.«

Dabei gab es durchaus Frauen, die er anziehend fand. »Ich habe mich auch in Frauen verliebt.« Doch als sein Sohn geboren war, führten nicht nur die Konflikte, die bei jungen Paaren häufig durch diese Veränderung in der Familie auftreten, zur Trennung von seiner damaligen Frau. »Irgendwann guckst Du in den Spiegel: Frau, Kinder – das bin nicht ich«, schildert Scheid. »Hier bist Du nicht glücklich. Ich habe in gewissem Sinn ein Doppelleben geführt.«

Mein Sohn kennt mich von Anfang an als schwuler Vater

Manfred Scheid-Varisco

Ein halbes Jahr nach der Geburt sein Sohnes zog Scheid aus. Es folgten sechs Jahre, in denen er sowohl die homosexuelle Szene kennenlernte als auch bemerkte, wie viel ihm eine feste Partnerschaft bedeutet. Die fand er schließlich mit Varisco. »Das war eine Herausforderung, der erste gemeinsame Ausflug ins Senckenbergmuseum«, erinnert sich dieser. Denn zwei Männer mit kleinen Kindern erregen nun einmal mehr Aufmerksamkeit als zwei Frauen.

 

Der Sohn wird gehänselt

 

»Mein Sohn kennt mich von Anfang an als schwuler Vater«, berichtet Scheid. In der Schule sei sein Sohn gehänselt worden, weil sein Vater schwul ist. Dennoch hätte die Homophobie nie das Maß erreicht wie in den 80er Jahren, als Kinder gemobbt und geschlagen wurden. Wohl auch deshalb ärgert sich Scheid, wenn Bundestagsabgeordnete wie Oswin Veith oder auch die katholische Kirche mehr oder minder deutlich mit Vorurteilen gegen die Ehe für Homosexuelle argumentieren. »Als ich gehört habe, wie die katholische Kirche sich aufgestellt hat, habe ich überlegt, zu konvertieren.«

Vor einigen Jahren war er selbst Zielscheibe von homophoben Äußerungen auf unterstem Niveau, als ein Büdinger Autor versehentlich vor allem sexuell konnotierte Beleidigungen über Scheid im Internet veröffentlichte (die WZ berichtete). »Warum glaubt eigentlich jeder, dass ein schwuler Mann jeden Mann besteigen muss?«, wundert sich Varisco. »Was geht da in den Köpfen vor?« Scheid ergänzt: »Das ist das Problem, Schwule werden immer noch auf Sex reduziert.«

 

Gesellschaft entwickelt sich

 

Die Debatte, die die Beleidigungen ausgelöst hatten, zeigten aber auch, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat. »Ich war sprachlos über die positive Resonanz und den Zuspruch, den ich bekommen habe«, erinnert sich Scheid. Selbst Rentner hätten ihm bei der Awo-Weihnachtsfeier Mut zugesprochen. »Im Nachhinein können wir dem Autor dankbar sein, dass er viel zur Akzeptanz beigetragen hat.« Inzwischen hat er dessen Entschuldigung nach ausführlichen Gesprächen angenommen.

Scheid ist froh, dass es ihm gelungen ist, sich früh zu seiner Homosexualität zu bekennen. »Sich mit 50 zu outen, ist eine Katastrophe. Eine schwule Beziehung im Alter aufzubauen, ist fast schwieriger als eine heterosexuelle.« Weil die Szene teils sehr stark auf schöne Körper fixiert sei, litten Ältere, die den Idealen nicht genügten, manchmal unter Ausgrenzung. »Schwule und Lesben reden immer von Toleranz, aber das leben sie nicht immer vor.«

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