05. Juni 2017, 20:28 Uhr

Durchblick im Maßnahmendschungel?

05. Juni 2017, 20:28 Uhr

»Chaotisch!« Nur so lassen sich nach Meinung von Beate Neuwirth die Zustände bei der Organisation von Deutschkursen für nicht mehr schulpflichtige Migranten beschreiben. Seit zwei Jahren engagiert sich die Friedbergerin in der Flüchtlingshilfe. Sie beklagt teilweise jahrelange Wartezeiten für Geflüchtete bestimmter Nationalitäten, die große Unübersichtlichkeit des Angebots und »schwarze Schafe« unter den als Bildungsträger fungierenden Instituten.

Sabine Tönges, Kurskoordinatorin bei der Volkshochschule des Wetteraukreises, gibt Neuwirth teilweise Recht: »Es ist in den letzten beiden Jahren ein Maßnahmendschungel geworden«, sagt sie. Kanga Bichler und Dr. Gerd Ulrich Bauer, die seit 1. September 2016 beim Wetteraukreis als Bildungskoordinatoren tätig sind und gerade Daten für die Herausgabe eines »Wegweisers« sammeln, sprechen dagegen lieber von einem »breiten und bedarfsorientierten Angebot«, in dem angestrebt werde, für jeden Geflüchteten eine möglichst passende Förderung zu finden.

Versuch eines Überblicks: Wer in diesen Frühsommertagen 2017 als Flüchtling neu in den Wetteraukreis kommt und von der Kreisstadt Friedberg aus nach dem sogenannten »Königssteiner Schlüssel« einer der 25 Städte und Gemeinden im Kreis zugeteilt wird, trifft dort in der Regel auf ein Netz aus Freiwilligen, das sich um ihn kümmert. Fast überall gibt es auch – ehrenamtlich organisiert – einmal oder mehrmals wöchentlich ersten Sprachunterricht.

Wie lange Geflüchtete auf diese Freiwilligen-Angebote angewiesen sind, hängt teilweise von ihrem Status ab. Wer nach einigen Monaten eine Anerkennung als Flüchtling erhält, muss sich unverzüglich beim Jobcenter anmelden, das für die Bewilligung der Leistungsbezüge zuständig ist. Zudem ist das Jobcenter bestrebt, Geflüchtete möglichst schnell in staatlich geförderte Sprachkurse zu vermitteln.

Pflichtprogramm sind die Integrationskurse, die nach einem verbindlichen Sprachstandstest in maximal sechs Modulen à 100 Stunden zum Sprachlevel B 1 führen und mit einer Prüfung abgeschlossen werden; wer noch alphabetisiert werden muss, weil er nur andere Schriftzeichen kennt oder gar nicht schreiben kann, absolviert vorab drei zusätzliche Module. »60 Prozent schaffen die Prüfung im ersten Durchgang, die meisten anderen nach dem Wiederholungskurs«, berichtet Kanga Bichler. Zur Überbrückung eventueller Wartezeiten auf den Beginn des ersten Kurses schickt das Jobcenter die Flüchtlinge zur FAB, neben der VHS der zweite große Bildungsträger im Kreis (daneben gibt es unter anderem »Lernpoint« sowie den Internationalen Bund mit dem Jugend-Migrationsdienst). »Lotse« heißt die vierwöchige Maßnahme, die einen ersten Einblick in das Leben in Deutschland vermittelt. Wer später parallel zum Integrationskurs gleich Berufspraktika machen möchte, kann die Maßnahme »Kompass« der FAB nutzen.

Der ursprüngliche Grundsatz, nur anerkannte Flüchtlinge in offizielle Deutschkurse zuzulassen, wurde bereits Ende 2015 mit den »Willkommenskursen« (inzwischen abgelöst durch »MitSprache – Deutsch4U«) aufgegeben. Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive (aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak, teilweise auch aus Afghanistan und einigen afrikanischen Staaten) soll dieses niedrigschwellige, 300 Stunden umfassende Angebot lehren, im deutschen Alltag sprachlich wie praktisch zurechtzukommen.

Eher einen berufspraktischen Ansatz verfolgen die zehnwöchigen »PerF«-Kurse (Perspektiven für Flüchtlinge; 500 Stunden) für nicht anerkannte Geflüchtete mit berufsbezogenem Sprachunterricht, Kompetenzfeststellung und Praktika für den schnellen Einstieg in den niedrigqualifizierten Arbeitsmarkt; sie setzen Grundkenntnisse in Deutsch voraus.

Bildungskoordinator Dr. Gerd Ulrich Bauer hält die im Verlauf der letzten beiden Jahre entwickelte Vielfalt des Angebots für gut und richtig, damit möglichst jeder Geflüchtete seinen Bedürfnissen nach gefördert werden kann. »Jobcenter und Arbeitsagentur können qualifiziert jeden individuell über Sprachförderung beraten«, betont er. Die geschulten Vermittler in den Arbeits- und Ausbildungsbüros dort wüssten auch über zusätzliche Angebote wie »Wirtschaft integriert« zur Vermittlung in den Arbeitsmarkt Bescheid.

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