31. März 2017, 20:07 Uhr

Durch Zufall überlebt

31. März 2017, 20:07 Uhr
Anita Lasker-Wallfisch mit Vertretern der Veranstalter einer Lesung an der Singbergschule. Die 91-Jährige will mit jungen Menschen über das Dritte Reich ins Gespräch kommen. (Foto: prw)

Vor gut 100 Schülern der Singbergschule hat Anita Lasker-Wallfisch, die Cellistin von Auschwitz, über ihre Kindheit im Nationalsozialismus, ihre Zeit im Gefängnis und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen gesprochen. Ermöglicht wurde das Zeitzeugengespräch mit der heute in London lebenden Musikerin durch die Zusammenarbeit von Schule, Kreis und Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer.

Anita Lasker-Wallfisch wurde 1925 als jüngste von drei Töchtern eines Juristen und einer Musikerin in Breslau geboren. Sie entstammt einer typisch jüdisch assimilierten deutschen Familie, die nur an hohen Feiertagen die Synagoge besuchte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann Stück für Stück die Ausgrenzung. Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wurden die niedrigsten Instinkte des Volkszorns geweckt. Der 9. November, so die Einschätzung von Lasker-Wallfisch, war ein Test, wie weit man in Deutschland gehen könne. Die Erfahrung zeigte: sehr weit. Im April 1942 wurden Lasker-Wallfischs Eltern deportiert. »Ich war damals 16 Jahre alt und habe nie wieder etwas von ihnen gehört.«

Sie und ihre ein Jahr ältere Schwester wurden in ein Kinderheim gesteckt. Statt in die Schule zu gehen musste sie in einer Papierfabrik arbeiten. Durch ihre guten Französischkenntnisse gelang ihr der Kontakt zu französischen Kriegsgefangenen. Diesen verhalf sie durch gefälschte Pässe zur Flucht. Ihre »Karriere als Passfälscherin« endete schließlich im Gefängnis. Im November 1943 kam sie nach Auschwitz, wo sie ein Jahr bleiben sollte. Bellende Hunde, ständiges Geschrei und ein unbeschreiblicher Gestank, das waren ihre ersten Eindrücke von Auschwitz.

69388, diese Nummer trägt Lasker-Wallfisch noch heute auf ihrem Unterarm. »Ich war, wie die anderen Häftlinge auch, eine Nummer, der Persönlichkeit beraubt.« Dann kam das Schicksal der jungen Frau zu Hilfe. Im Lager gab es eine Kapelle, die morgens und abends mit Märschen aufspielte, wenn die Masse der Häftlinge zur Arbeit ging oder von der Arbeit kam. »In der Kapelle fehlte eine Cellistin, dieser Zufall hat mir das Leben gerettet. Trotz der miserablen Haftbedingungen, des Hungers, des Lärms, des Geruchs nach Leichen gab es immer noch eine ›Art von Leben‹. Die Gedanken drehten sich nur ums Überleben.«

Im Oktober 1944 wurde sie mit 3000 anderen Häftlingen nach Bergen-Belsen gebracht, ein Lager, das Platz für 1000 Menschen bot. »Wir verbrachten die ersten Nächte in eiskalten Zelten auf dem nackten Boden. Die Menschen starben wie die Fliegen.« So war es noch im April 1945, ein außergewöhnlich heißer Monat, als Tausende Häftlinge auf die Befreiung durch die Engländer warteten. Am 15. des Monats war es so weit. »Wir schauten nur stumm auf unsere Befreier, zum Jubeln fehlte uns die Kraft.«

Nach dem Krieg ging Lasker-Wallfisch nach England, wo sie als Berufsmusikerin im English Chamber Orchestra Karriere machte. »Lange Zeit habe ich mich geweigert, nach Deutschland zu kommen, aber ich wollte noch einmal den Ort Bergen-Belsen sehen. Meine Begegnungen mit Deutschen haben mich davon überzeugt, dass es wichtig ist, etwas von dem weiterzugeben, was ich erlebt habe. Es wäre beruhigend zu wissen, dass die Nazis Teufel waren. Sie waren es nicht, sie waren ganz normale Menschen.«

Nach der Lesung nutzten die Schüler ausgiebig die Chance, Lasker-Wallfisch zu befragen. Wie soll man mit Holocaustleugnern umgehen, wie mit der Neuen Rechten? Welche Gedanken hat man, wenn man das KZ überlebt? Was kann man jungen Leuten an Botschaften mitgeben? Diese Frage bewegte die rüstige 91-Jährige besonders. »Frieden und gegenseitiger Respekt sind nötiger als je zuvor. Sie, als junge Menschen, haben dafür eine besondere Verantwortung.« (Foto: prw)

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