05. Juni 2018, 11:00 Uhr

Ausgrenzung?

Ditib-Vorstand: »Wir sind eine unpolitische Gemeinde«

»Wir haben mit Politik nichts zu tun«, sagt Süleyman Yaya, Vorsitzender der Friedberger Ditib-Gemeinde. Das Internationale Zentrum erwägt, die Ditib vom Spielefest auszuschließen.
05. Juni 2018, 11:00 Uhr
Religion, Kultur, Fortbildung und das Miteinander der Gemeinde: Darum gehe es der Ditib, nicht um Politik, sagen (v. l.) Irmak Betyl, Süleyman Yaya und Tayfun Cansiz. (Foto: Wagner)

Süleyman Yaya und seine Vorstandskollegen Tayfun Cansiz und Betyl Irmak verstehen die Welt nicht mehr. Seit einigen Wochen gärt es in Friedberg. Wie weit reicht der Einfluss Erdogans? Das Internationale Zentrum Friedberg, seit vielen Jahren wichtiger Akteur in Sachen Integration, hat Hinweise, dass Erdogan-Gegner ausgegrenzt werden. Durch manche Familien gehe ein Riss. Das IZF überlegt, die türkische Ditib-Gemeinde vom Internationalen Spielefest auszuladen.

»Was haben wir damit zu tun?«, fragt Yaya. »Wir machen keine Politik. Bei uns ist jeder willkommen, niemand wird nach seiner politischen Haltung befragt.« Die Busse, die bei der Parlamentswahl in der Türkei von Friedberg zum Wahlbüro nach Frankfurt fuhren, seien auch nicht, wie behauptet, vor der Moschee gestartet. »Die fuhren an der Stadthalle los, das wurde privat organisiert. Nicht von uns«, sagt Cansiz.

Weltoffener Vorstand

Am Eingang der Ayasofia-Moschee riecht es nach warmem Fladenbrot. In Hessens größter Moschee wird das »Ekmek« für türkische Geschäfte in der gesamten Wetterau gebacken. Hinter der Bäckerei gibt es einen Lebensmittelladen. Außerdem hat sich in dem ehemaligen Verpackungszentrum eines Lebensmittelmarktes am Rande des Kasernengeländes ein Friseur eingemietet, es gibt Jugendräume, die Gastwirtschaft im Obergeschoss und den großen Gebetsraum.

Beten, Fortbildungen, Jugendarbeit und vor allem die Gemeinschaft, das seien die Ziele der Friedberger Ditib-Gemeinde. Die Politik gehöre nicht dazu, sagt Yaya. Seit vier Jahren ist der 39-Jährige Vorsitzender. Mit acht Jahren kam der Diplom-Architekt nach Deutschland, längst fühlt er sich wie viele andere Türken mit Migrationshintergrund als Friedberger. Im Ditib-Vorstand hat er vor junge Akademiker um sich gesammelt. Kassenwart Cansiz ist Informatik-Ingenieur, die stellvertretende Vorsitzende Irmak studiert Lehramt an der Grundschule, hat sich zuvor in der Jugendgruppe der Ditib und im Stadtjugendring in Rosbach engagiert.

Der Vorstand will der Gemeinde ein weltoffenes Gesicht geben. Die Politik Erdogans scheint nicht dazu zu passen. Im Gespräch mit der WZ wird der Name Erdogan zwar mehrfach erwähnt, das war’s dann aber auch schon. Natürlich unterhielten sich die Mitglieder in der Gastwirtschaft über Politik, sagt Cansiz. »Bei fast 500 Mitgliedern ist es klar, dass es unterschiedliche Meinungen gibt.« Das kontrolliere man aber nicht. Yaya: »Es kommen auch Kurden zu uns. Trotzdem gibt es keinen Streit.«

Gläubige aus vielen Ländern

Zum Freitagsgebet kommen bis zu 800 Gläubige. Seit der Flüchtlingskrise sind es Moslems aus Syrien, Afghanistan und aus afrikanischen Ländern. Im Ramadan folgt auf das Freitagsgebet das Fastenbrechen. In der Küche der Moschee werden Suppe sowie je ein einfaches Reis- und Nudelgericht zubereitet. Das Essen ist für die Gläubigen kostenlos. Das mag für viele Flüchtlinge ein weiterer Ansporn sein, hierher zu kommen.

Ob Suniten oder Schiiten, das spiele keine Rolle. »Wir fragen nicht danach.« Türken sind Suniten, deshalb predigt der Imam nach dieser Religionsrichtung. Die Freitagspredigten seien unpolitisch und von der Ditib-Zentrale in Köln vorgegeben. »Die können Sie im Internet auf Deutsch lesen«, sagt Irmak. Zu verheimlichen gebe es da nichts. Es gehe meist um ein anständiges Leben, sagt Yaya. Was für den Ditib-Vorstand völlig unverständlich ist: »Das Spielefest ist für Kinder gedacht. Es geht ums Miteinander, um den Austausch der Kulturen«, sagt Yaya. »Was soll ich meinen Mitgliedern sagen?«

Klärendes Gespräch geplant

Yaya hofft, dass ein klärendes Gespräch mit dem IZF die Probleme beseitigt. Beruflich ist der Architekt die Woche über in München mit dem Bau einer Messehalle beschäftigt, bislang kam es nicht zu einem gemeinsamen Termin. Den will man gerne wahrnehmen, obgleich es verwunderlich sei, dass das IZF dieses Gespräch in der Presse ankündigte, die Ditib aber erst vier Tage später per Mail eingeladen wurde.

 

Info

Streit zwischen IZF und Ditib

Wie weit reicht der Arm des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan? Nach Ansicht des IZF bis nach Friedberg. Durch viele Familien gehe ein Riss, wer gegen Erdogan sei, gelte als »Vaterlandsverräter«, berichten IZF-Mitglieder. Der neue Vorsitzende Mehmet Turan, Stadtverordneter der Grünen und als Alevit Mitglied jener Minderheit, die sich in der Türkei für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt, will Probleme nicht totschweigen. Toleranz hat seine Grenzen, wie neulich bei einer Lesung von Texten des Journalisten Deniz Yücel deutlich wurde. »Wir fragen jede und jeden, ob er oder sie die Demokratie und Völkerverständigung unterstützt, auch in Wahlgängen des Herkunftslandes«, machte IZF-Mitglied Florian Uebelacker an jenem Abend die eigene Haltung deutlich. (jw)

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