09. November 2018, 20:02 Uhr

»Diese eingeklemmte Landschaft«

09. November 2018, 20:02 Uhr
Bei heimischem Apfelwein liest Andreas Maier aus seinem neuen Buch und erinnert sich an seine eigene Vergangenheit in der Wetterau. (Foto: gk)

»Die Wörter wuchern immer unkontrollierter in uns hinein, da sind wir vielleicht 15, 16 Jahre alt. Als hätten sie materiellen Charakter wie ein Kuss oder ein Schwert. Dann brauchen wir Jahrzehnte, um mit Hilfe von Wörtern den Wörtern wieder einigermaßen beizukommen, sie in uns abzubauen, rückzubauen.« Andreas Maier, unter anderem durch sein auf elf Bände angelegtes Buchprojekt »Ortsumgehung« (von denen bereits sechs erschienen) bundesweit bekannt geworden, schreibt seit 2010 Kolumnen für eine Wiener Literaturzeitschrift. Seit Kurzem liegen sie nun in einem Suhrkampband unter dem Titel »Was wir waren« gesammelt vor.

Es war ein glücklicher Einfall der Veranstalter von »Friedberg lässt lesen«, den renommierten Bad Nauheimer Autor für eine dreitägige Lesung aller Kurztexte in die Buchhandlung Bindernagel einzuladen, mit der den 51-jährigen, derzeit in Hamburg Lebenden, viele Erinnerungen verbinden. In entspannter Atmosphäre bei heimischem Apfelwein und Brezeln erreichte Maier – nicht zuletzt durch sein gänzlich unprätentiöses Auftreten – in kurzer Zeit die Köpfe und Herzen der zahlreich erschienenen Hörer. Mögen die drei Abende, zumindest für einen Teil der älteren Gäste, auch einen gewissen nostalgischen Charakter gehabt haben.

Wie ein Fremder

Was Maier zu bieten hatte, ging weit über eine herkömmliche Beschwörung der (eigenen) Vergangenheit hinaus: Es war Sprachkunst auf hohem Niveau. Fast all seinen oft nur zwei, drei Seiten langen Miniaturen ist die Reflexion über Sprache gemeinsam.

So beleuchtete der Autor gleich zu Beginn den viel gebrauchten komplexen Begriff »Respekt« von allen Seiten, ja zerlegte ihn regelrecht in seine Bestandteile. Ein Hauptanliegen von Maiers Rückblicken ist – neben ganz handfesten, oft humorvollen Erinnerungen an seinen Onkel J. oder die »Buchhändlerstochter« mit dem nicht allzu schwer zu lüftenden Inkognito – die Evokation bestimmter Wörter, Ausdrücke, Formeln, wie sie zum Beispiel in jungen Jahren verwendet werden. Sich an Worte erinnern heißt, vergangene Weisen der Selbst- und Weltwahrnehmung wieder ins Bewusstsein zu heben. Ein Bekannter Maiers findet für diese »Suche nach der verlorenen Zeit« die treffende Metapher: »Wir müssen die Worte (unser Leben) wieder zurückholen wie Atommüll aus einem nicht funktionsfähigen Endlager.« Neben das (einstmals) gesprochene tritt das geschriebene Wort. Bücher sind lebende Wesen, stehen leibhaftigen Menschen kaum nach. Schon für den noch nicht des Lesens kundigen Knaben – so lesen wir es in einem Band aus dem »Ortsumgehung«-Zyklus – führen Bücher als Gegenstände ein Eigenleben und verdienen deshalb Respekt. »Ich bin ein Fremder in dieser Welt«: So heißt es in dem von Franz Schubert vertonten Gedicht »Der Wanderer«. Zumindest zeitweilig muss sich der heutige Erfolgsautor aus der Wetterau auch als ein solcher gefühlt haben – wie einer der von ihm gelesenen Kolumnen unschwer zu entnehmen ist.

Mit dem gerade in unseren Tagen bedenkenswerten Satz »Was ist der Mensch? Im Kollektiv gar nichts« verabschiedete sich Andreas Maier am ersten von drei lohnenswerten Abenden vom dankbar applaudierenden Auditorium.

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