17. September 2016, 12:00 Uhr

Die leidenschaftliche Diva »Weil wir längst woanders sind«

Bad Nauheim (sda). Für ihren Roman benutzte Rasha Khayat ein Wort, das nicht im Duden auftaucht und das ihr Lektor deswegen streichen wollte: »Entortung«. Aber, sagt die Autorin, »es ist mein Text«, und es passt. Und so ist es geblieben. Das Buch »Weil wir längst woanders sind« erzählt sie die Geschichte von Basil und Layla, Geschwister, die immer unzertrennlich waren, bis Layla entscheidet, einen Mann in der alten Heimat, in Saudi-Arabien, zu heiraten. Das Buch stellt die Autorin, die selbst in Saudi-Arabien aufgewachsen ist, in der Reihe »Erlesenes in Bad Nauheim« vor. Im Interview spricht sie über Vorurteile zwischen den Kulturen, über Diven und über Idioten.
17. September 2016, 12:00 Uhr
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Von Sabrina Dämon
Rasha Khayat stellt am Mittwoch ihren Roman »Weil wir längst woanders sind« vor. (pv)


Ihr Blog heißt west-östliche Diva, was hat es mit den Bestandteilen auf sich?
Rasha Khayat: Der Name ist ein Wortspiel zum West-östlichen Divan von Goethe. Ich liebe Worte und Wortspiele, bin verliebt in Sprache und immer erstaunt und beglückt darüber, was passiert, wenn man einfach nur ein paar Buchstaben vertauscht. Außerdem bin ich großer Fan des Diventums. Ich mag Frauen sehr, die Stärke, Intelligenz, Leidenschaft und einen ausgeprägten Sinn für Stil haben – das sind für mich die wahren Diven.
Thema Wortschöpfungen. Ihr Lektor wollte das Wort Entortung streichen. Er sagte, es ist kein echtes Wort. Steht nicht im Duden. Definieren Sie es doch mal.
Khayat: Im Englischen gibt es das schöne Wort »Displacement«. Im Deutschen können wir zwar »deplatziert« sagen, das trifft aber den Kern von »Displacement« nicht. Als Übersetzerin knoble ich oft über genau solchen Begriffen. Als ich dann selbst mit Schreiben anfing, ging mir auf, dass ich mir einfach erlauben kann, ein Wort zu erfinden, weil es mein Text ist und nicht der von jemand anderem, den ich übersetze. Entortung ist für mich ein emotionales Wort. Die Ur-Bindung oder Frühbindung, heißt das in der Psychologie. Und wenn man das nicht hat oder es einem genommen wird, entrissen, ist man entortet. Und da hatte die deutsche Sprache leider kein Wort, das schön klingt. Also habe ich eins erfunden.
Um Entortung geht es in Ihrem Buch, inwiefern?
Khayat: Jeder der Figuren trägt eine Geschichte der Entortung in sich. Sie waren oder sind auf der Suche oder machen Kompromisse, weil es eine Lücke in ihrem Leben gibt – die Lücke der Entorteten. Menschen mit multikulturellen Leben kennen das. Irgendetwas fehlt, dann wieder ist alles zu viel – es gibt wenig Ordnung, dafür viel Sehnsucht. Darum geht es in meinem Buch.
Sie haben einmal gesagt: »Das Buch ist ein Angebot, sich meiner Sicht auf diese Welt zu öffnen« – erzählen Sie etwas von Ihrer Sicht auf die Welt?
Khayat: Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Das ist ein Allgemeinplatz, aber im Alltag wird das oft vergessen. Ich versuche, Menschen zu sehen und nicht Systeme. Besonders wenn es um die arabische Welt geht, scheint das den Menschen hierzulande schwerzufallen. Es gibt eine fast arrogante Diskursüberlegenheit im Westen, die davon ausgeht, dass die eigene Sicht der Dinge immer die richtige und die beste ist. Das geht mir gegen den Strich. Ich finde, wir alle täten sehr gut daran, wenn wir uns und unsere Ansichten öfter mal infrage stellen würden und unsere bequeme Selbstgewissheit sausen lassen.
Sie sind in Saudi-Arabien aufgewachsen, mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Erinnern Sie sich an eine Situation, die Sie zum Staunen gebracht hat?
Khayat: Ich hatte keinen echten Kulturschock. Wir haben zwar lange in Saudi-Arabien gelebt, aber jede Sommerferien bei meiner deutschen Familie verbracht und auch meine deutschen Großeltern haben uns oft in Jeddah besucht, Deutschland war mir also einigermaßen vertraut. Was ich komisch fand, und ehrlich gesagt bis heute komisch finde, ist, wenn ich bei deutschen Freunden eingeladen war, also im Elternhaus zu Schulzeiten, dass immer nur so wenig Essen auf dem Tisch steht. Einmal war ich zu Weihnachten bei meinem damaligen Freund zum Essen eingeladen und die Klöße waren abgezählt, für jeden zwei. Überhaupt, dass man erst fragen muss, ob man eine Freundin mitbringen darf, das kannte ich nicht. Bei uns war und ist immer offenes Haus, es gibt jederzeit Essen für eine ganze Armee. Meine Mutter wäre auch auf den Tod beleidigt, wenn jemand bei uns aus dem Haus geht und nichts gegessen hat.
Sie leben seither in Deutschland, sind aber hin und wieder in Saudi-Arabien. Sie kennen diese zwei Kulturen, und damit sicher auch die jeweiligen Vorurteile, die in der jeweiligen Kultur über die andere bestehen. Haben Sie ein Beispiel?
Khayat: Ach, das Übliche: Für die Araber sind die Deutschen pünktlich und fleißig und effizient, das meinen die dann aber nur halb positiv, der Subtext lautet: Die Deutschen sind spaßbefreit, wissen nicht wie man gut lebt, kennen Muße nicht. Wenn ich mir zwei volle Löffel Zucker in meinen starken schwarzen Tee gebe, jubelt meine Tante immer: »Ahh, sie ist doch eine echte Araberin!«
Und andersherum?
Khayat: Die Deutschen halten arabische Männer für Machos und arabische Frauen für unterdrückte Opfer, die befreit werden müssen. Araber gelten in Deutschland als rückständig und faul.
Was sagen Sie dazu?
Khayat: Wie gesagt – in meinen Augen ist die Welt nicht schwarz und weiß, sondern sehr, sehr bunt und vielschichtig. Ich mag die deutsche Effizienz und Verlässlichkeit sehr, vor allem in beruflichen Angelegenheiten. Man kann sich darauf verlassen, dass Rechnungen pünktlich gezahlt werden, und wenn ein Handwerker sagt, er kommt, kommt er auch. Es gibt für alles Formulare, Regeln und Ämter. Gleichzeitig sind die Deutschen oft aber auch unfassbar umständlich und unflexibel, vermutlich gerade wegen all dieser Regeln, von denen sie dann nur schwer abweichen können. Für mich stellen sich die Deutschen insgesamt recht verkrampft dar, mit Leidenschaft haben sie es nicht so. Das finde ich schade.
Und die Araber?
Khayat: Mit Arabern zu arbeiten ist eine absolute Herausforderung für mein deutschssozialisiertes Nervenkostüm. Sie sind wahnsinnig freundlich, aber auch wahnsinnig unverbindlich. Es gibt das sogenannte arabische »Vater-Unser«: »Inshallah bukra, ma’alish« – das heißt so viel wie: »So Gott will, morgen, macht nichts.« So funktioniert das Leben in allen arabischen Ländern, das macht mich wahnsinnig. Egal, ob man den Wasserboiler repariert haben oder seinen Pass verlängern möchte – alles dauert unfassbar lange. Gleichzeitig haben sie dadurch aber auch eine Gelassenheit, die das Leben einfacher macht, denn es gibt ja früher oder später für jedes Problem eine Lösung. Als ich zuletzt in Kairo war, ist das Taxi, in dem ich saß, mitten auf der Straße verreckt. Der Fahrer hat es in aller Seelenruhe auf die nächste Verkehrsinsel geschoben, aus einer Kleenexbox im Handschuhfach zwei Zündkerzen und ein Taschenmesser rausgeholt und sein Auto repariert. In der Rush-Hour. Das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen. Ich fand’s super. Diese Gelassenheit liebe ich. Alles hat also immer mehr als zwei Seiten. Und Idioten gibt es immer und überall, egal ob hier oder in Arabistan. “ Idioten gibt es immer und überall, egal ob hier oder in Arabistan „ Mit elf Jahren kam Rasha Khayat nach Deutschland, das Land in dem sie auch geboren worden ist. Aufgewachsen ist sie in Jeddah, in Saudi-Arabien. In ihrem ersten Roman erzählt sie eine Geschichte, die in beiden Ländern spielt. Es geht um Layla, die zurück nach Saudi-Arabien geht, um zu heiraten, und um Basil, der sich aufmacht zur Hochzeit seiner Schwester.

Die von der Buchhandlung am Park organisierte Lesung beginnt am kommenden Mittwoch um 19.30 Uhr im Badehaus 2.


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