27. Dezember 2018, 20:14 Uhr

Die kleinen Gefühle-Vermittler

Eine Nonne aus der Schweiz hat in den 60er Jahren bewegliche Krippenfiguren erfunden, um die Weihnachtsgeschichte darzustellen. Maria Schmukat setzt solche Figuren für einen ganz anderen Zweck ein: Bei der Hospizhilfe Wetterau in Friedberg kommen sie zum Einsatz, um in den letzten Tagen des Lebens zu kommunizieren – auch wenn die Worte fehlen.
27. Dezember 2018, 20:14 Uhr
Die beweglichen Figuren machen es möglich, verschiedene Gefühle auszudrücken. Deshalb haben sie auch kein Gesicht, denn mit einem Lächeln kann man Trauer oder Wut nicht widerspiegeln. (Fotos: Steinhauer)

In der Friedberger Fichtestraße hat die Hospizhilfe Wetterau ihren Sitz. In dem gemütlich eingerichteten Wohnhaus werden Menschen in ihren letzten Lebenstagen begleitet. Es gibt ein Zimmer für sie, aber auch Räume für Angehörige, die dort übernachten können. Treffen der Ehrenamtlichen finden im großen Wohnraum statt, zudem Vorträge, Musikabende und vieles mehr. Maria Schmukat arbeitet seit 2012 in der Hospizhilfe, schon vorher war sie in der Palliativmedizin tätig gewesen. Vor 18 Jahren lernte sie in Kursen, wie man biegsame Figuren herstellt, und seit einem Jahr setzt sie die Figuren in der Hospizhilfe ein. So seien die Erzählfiguren, die ursprünglich zur Darstellung von Bibelszenen, insbesondere aus der Weihnachtsgeschichte, gedacht gewesen seien, mit moderner Kleidung auch nutzbar, um eigene Geschichten zu erzählen. Sie habe die Figuren zu einer Fachtagung mitgenommen, sagt Schmukat. So sei die Idee entstanden, die Figuren auch in der Hospizhilfe einzusetzen. Inzwischen nähmen auch andere ehrenamtliche Hospizhelfer an den Kursen zur Figurenherstellung teil.

Schon beim Anfertigen bekämen die Figuren durch Größe, Haarfarbe und Kleidung einen ganz eigenen Charakter und auch für die Kursteilnehmer eine ganz persönliche Bedeutung. »Jeder nimmt diese Figuren auf seine Weise anders wahr oder sucht sich eine bestimmte Figur aus. Es war interessant, dies in den Gruppen zu beobachten.« Schmukat macht eines deutlich: »Ich nenne sie bewusst nicht Puppen, denn es ist kein Spielzeug.« Die Figuren haben ein Innenleben aus Draht, sodass jede Körperbewegung dargestellt werden kann – ob die Figur nun tanzt, in Trauer zusammengekauert ist oder eine weitere Figur umarmt. Füße aus Blei ermöglichen, dass sie in jeder Körperhaltung stehen können. Für eine Puppe wäre die Figur viel zu schwer. Die Beweglichkeit gibt den Figuren fast etwas Lebendiges. An den Erzählfiguren, die teils in einfache, biblisch anmutende Gewänder, teils in Jeans und Pulli gekleidet sind, fällt außerdem sofort auf, dass keine Gesichter aufgemalt sind. »Man kann mit einer Figur, die lächelt, nun mal Emotionen wie Wut, Trauer oder Verzweiflung nicht darstellen. So darf man etwas in die Figuren hineininterpretieren«, erklärt Maria Schmukat.

»Die Menschen, die ich betreue, brauchen viel Empathie. Viele sind einfach sprachlos. Die Erzählfiguren erleichtern die Kommunikation, eröffnen Gespräche.« Die Figuren ermöglichten es, Emotionen Ausdruck zu verleihen und auf diese Weise Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu geben. Sie habe mit den Figuren bisher nur positive Erfahrungen gemacht, sagt Schmukat: »Das wirkt auch bei Männern, die sonst mit Puppen wenig anfangen können.« Die Beweglichkeit der Figuren ermögliche es einerseits, die verschiedenen Gefühle oder Situationen darzustellen, andererseits aber auch, über sich zu sprechen, Wünsche zu äußern, die man sich sonst nicht zu sagen traue. »Daher werden sie auch in der Trauerarbeit mit Erwachsenen und mit Kindern eingesetzt«, sagt Schmukat. Kindern falle es sogar oft leichter, ihre Gefühle mittels der Figuren auszudrücken.

Im vergangenen Jahr hatte sie eine junge Frau betreut, die an Krebs erkrankt war und nicht mehr sprechen konnte. »Sie hatte ein kleines Kind und einen Partner, der immer noch auf eine Heilung hoffte, durch eine weitere Chemo, einen weiteren Krankenhausaufenthalt. Sie hingegen wollte abschließen.« Sie kommunizierten per Handy. »Ich schickte ihr ein Bild von zwei Figuren in fürsorglicher Umarmung«, erzählt Maria Schmukat. »Die Patientin sah darin zwei glückliche Menschen, die tanzen. Und auch die Figuren, die sie ihr mitgebracht hatte, veränderten sich bei jedem Besuch. »So ergab sich immer ein Thema für ein Gespräch, die Möglichkeit, Dinge zu vermitteln, die man nicht aussprechen kann – und auch der Partner konnte so einbezogen werden.«

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