12. April 2018, 20:21 Uhr

Die andere Welt auf der Grünen Insel

Die Friedbergerin Nora Martin wohnt seit einigen Monaten in Irland und erlebt dort einiges, was ganz anders ist als hierzulande. In der WZ berichtet die 16-Jährige über eine Stadt voller Musik, über Hunde, die sich gegenseitig besuchen, über ungewöhnliche Schulfächer und extrem viele Beerdigungen.
12. April 2018, 20:21 Uhr
(Foto: pv)

Seit Ende August lebe ich in Irland auf einer Farm in der Nähe von Galway, mitten auf dem Land und in fußläufiger Entfernung zum Lough Corrib, dem größten See der Republik Irland. Mitte Juni werde ich wieder nach Deutschland zurückkommen. Seit meiner Ankunft habe ich viel erlebt. So vieles ist anders: die Menschen, die Natur, das Wetter, der Schulalltag.

Ich lebe in einer Gastfamilie, die Gasteltern sind Farmer, haben drei Söhne und eine Tochter, die älter sind als ich. Außerdem lebt hier noch eine finnische Austauschschülerin. In unserem »Dorf« gibt es nur wenige Häuser, eine Kirche und natürlich ein Pub.

Wenn der Esel durchs Fenster guckt

Hinter dem Wohnhaus der Farm stehen die Kühe meines Gastvaters, sozusagen in unserem Garten. In den vergangenen Monaten sind viele Kälber zur Welt gekommen. Von Zeit zu Zeit helfen wir meinem Gastvater, die Kühe von einer Weide zur anderen zu bringen, oder wir füttern zwei Lämmer mit der Flasche. Manchmal gucken mich auch Esel durch mein Zimmerfenster an, die von irgendwoher zugelaufen sind. Auch die Hunde der Nachbarn laufen hier einfach los und besuchen sich gegenseitig. Anfangs war ich sehr irritiert, wenn unser Hund uns morgens zur Bushaltestelle begleitete und danach alleine noch ein bisschen spazieren ging.

Das Haus wird mit Torf geheizt. Ende September war ich mit im Moor und half beim Torfstechen. Was ist noch anders als in der Wetterau? Es fängt mit dem Wetter an – es regnet jeden Tag – und geht mit der Schule weiter. Wir tragen eine Schuluniform, die aus unserem blauen Schulpulli, blauen Hosen und einem weißen Poloshirt besteht. Meine Schule wird von Jungen und Mädchen besucht. Die meisten irischen Schulen sind reine Jungs- beziehungsweise Mädchenschulen. Der Unterricht ist wesentlich frontaler, als ich es aus Deutschland kenne. Die Schüler müssen sich selten aktiv beteiligen, nicht einmal im Sprachunterricht. Es werden andere Fächer angeboten, wie zum Beispiel Hauswirtschaftslehre, Technisches Zeichnen, Landwirtschaft und Holzarbeit.

Meine Gastschwester und ich gehen boxen. Wir treffen uns mit Freunden, besuchen unsere Gastgroßeltern mit dem Fahrrad oder fahren an den Wochenenden nach Galway. Gemessen daran, dass Galway die viertgrößte Stadt Irlands ist, ist sie sehr klein – hat aber einen ganz eigenen Charme. In keiner anderen Stadt habe ich jemals so viele Straßenmusiker gesehen, auch nicht in Cork oder Dublin. Mit den vielen kleinen Straßen, bunten Häusern und der Musik ist Galway gemütlich und lebendig zugleich.

Meine Gastmutter ist sehr religiös, und meine Gasteltern gehen jedes Wochenende in die Kirche, wohin ich sie immer wieder begleite. Ich kam nach Irland mit der Erwartung, dass es ein sehr katholisches und konservatives Land ist. Doch dann war ich sehr überrascht, dass Geschäfte hier jeden Sonntag geöffnet sind und mein Gastbruder selbst am Karfreitag arbeiten musste. Allmählich habe ich gelernt, dass Irland weniger konservativ ist als gedacht, die Kirche jedoch immer noch großen Einfluss hat. Dies wird insbesondere in der aktuellen Debatte über Abtreibung deutlich.

Eine weitere Erfahrung war für mich, wie oft man hier zu Beerdigungen geht. Manchmal sind meine Gasteltern auf mehreren in einer Woche, einmal waren es sogar zwei an einem Tag. Beerdigungen finden in »funeral homes« statt, und das ganze Dorf nimmt teil.

Seitdem ich hier bin, habe ich viele Orte gesehen. So war ich bereits mehrmals in Dublin, auf den Aran Islands, in Cork, in den Wicklow Mountains und in Connemara wandern. In wenigen Wochen bin ich zurück in Deutschland. Ich freue mich schon sehr auf zu Hause, meine Familie und meine Freunde. Ich bin mir aber auch sicher, dass ich all das hier vermissen werde. Wer weiß schon, ob ich je wieder am St. Patricks Day in Galway sein werde? Sicher ist aber, dass meine finnische Gastschwester und ich uns schon bald gegenseitig besuchen werden.

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