15. August 2019, 20:23 Uhr

Die Vision eines christlichen Europa

15. August 2019, 20:23 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Dr. Eigelsheimer

Sein 1799 entstandener Aufsatz beginnt märchenhaft: »Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; ...«. Das Mittelalter als »menschlich gestalteter Weltteil«? Heutige wie auch bereits zeitgenössische Leser begreifen beim Weiterlesen schnell, dass diese schwärmerischen Zeilen mit der historischen Realität so gut wie nichts gemein haben - und dass es dem Verfasser auch gar nicht um eine geschichtliche Abhandlung geht.

Autor des berühmt gewordenen Essays »Die Christenheit oder Europa«, der vollständig erst ein Vierteljahrhundert nach seinem allzu frühen Tod erschien, ist der 1772 geborene und bereits 1801 verstorbene Friedrich von Hardenberg - bekannt unter seinem bezeichnenden Künstlernamen »Novalis«.

Es war ein Geniestreich

Wie dessen Verherrlichung eines realitätsenthobenen mystischen Katholizismus, der mit Christenheit schlechthin gleichgesetzt wird, zu verstehen sei und inwiefern dem Geniestreich des 27-jährigen Autors mehr als nur literarhistorische Bedeutung zukommt: Dies zu beantworten, war Dr. Matthias Eigelsheimer (in Friedberg und Bad Nauheim durch zahlreiche Vorträge wohlbekannt) in die Stadtkirche zu Friedberg - eines der glanzvollen Zeugnisse der von Novalis glorifizierten Epoche - geeilt. Nicht nur der 50-jährige Goethe, sondern auch Novalis‹ blutjunge frühromantische Dichterfreunde konnten mit dem Text nichts anfangen - so Dr. Eigelsheimer in seinem luziden 45-minütigen Vortrag. Bei Friedrich Schlegel heißt es beispielsweise: »Wir fanden die historische Ansicht zu schwach und ungenügend,...«. Anhand gut ausgewählter Textzitate zeigte der Referent, dass Novalis den historischen Prozess als Heils- und Verfallsgeschichte begreift.

Doch wie geht das zusammen? Auf das christliche Mittelalter als eine Art historischen Gipfelpunkt folgt, so Novalis, Verfall auf ganzer Linie. Reformation, Aufklärung, Revolution: Diese epochalen Ereignisse münden, so der zehn Jahre nach Beginn der Franz. Revolution entstandene Essay, in Chaos und Anarchie. Diese bilden dann den »Boden« für ein wie Phönix aus der Asche neu erstehendes mystisches Christentum: »Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion.«

Gegen den Vorwurf, mit solchen Zeilen mache sich Novalis - gewollt oder nicht - zum ideologischen Vorläufer der auf dem Wiener Kongress gestifteten reaktionären »Heiligen Allianz«, für die alles Nichtkatholische vom Teufel war, nahm der Referent den Vertreter eines, wie sich Novalis selbst sah, »magischen Idealismus« tapfer in Schutz - ohne freilich zu dessen Apologeten zu werden.

»Europa ruft«: So lautet das Motto der diesjährigen »Friedberger Sommer-Uni«. Ist die Stimme Novalis’, sein Weckruf heute noch vernehmbar, war er es überhaupt jemals?

Vielleicht, so Dr. Eigelsheimer in seinem mit viel Beifall bedachten Vortrag, ist es einfach dies: In jugendlichem Enthusiasmus ruft uns allzu nüchternen Heutigen jemand zu, dass der »europäische Gedanke« ohne visionären Gehalt seine gemeinschaftsstiftende Kraft verliert und zur Form ohne Inhalt, zur Leerformel herabsinkt. (Foto: gk)



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