03. Oktober 2019, 18:38 Uhr

Die Maschine Mensch

03. Oktober 2019, 18:38 Uhr
Günther Mensching

»L’homme machine« - Der Mensch, eine Maschine: Der Titel dieser 1747 im holländischen Leiden anonym erschienenen Schrift ist Programm. Ihr Verfasser, der 1709 in St. Malo geborene Julien Offray de La Mettrie, überbietet in seinem Traktat alles, was die französischen Aufklärer seiner Zeit an Sozial- und Religionskritik aufgeboten hatten.

Der radikale Materialist leugnet die Sonderstellung des Menschen im Kosmos, die Unsterblichkeit der Seele, die Willensfreiheit und den Unterschied sowohl zwischen Körper und Geist, als auch Mensch und Tier. Außerhalb der Materie, d. h. der Natur, gibt es nichts, so La Mettrie. Mit diesen Thesen ruft er die katholische Amtskirche auf den Plan.

Prof. Günther Mensching von der Universität Hannover porträtierte im Rahmen der philosophischen Reihe diesen Philosophen sowie seinen atheistischen »Kollegen« Paul Henri d’Holbach. Der christlichen Morallehre ihrer Zeit stellen beide die »hedonistische« Philosophie Epikurs gegenüber. Ihr zufolge strebt jedes Lebewesen - so auch der Mensch - nach Glück. Theoretischer Ausgangspunkt des studierten Mediziners La Mettrie ist, so Professor Mensching, die Naturwissenschaft seiner Zeit - beispielsweise die mechanische Physik Newtons. Nach der öffentlichen Verbrennung seines »L’homme machine« flieht er an den Hof des Preußenkönigs Friedrich II. nach Potsdam und stirbt dort unter mysteriösen Umständen 1751 an einer Lebensmittelvergiftung.

Widerstand der Kirche

Holbach, geboren 1723 im pfälzischen Edesheim und 1789 in Paris gestorben, veröffentlicht sein Hauptwerk »Système de la nature« im Jahr 1770 ebenfalls anonym. Der Mitarbeiter an der berühmten, von Diderot und d’Alembert herausgegebenen »Encyclopédie« unterhält in Paris einen Salon, in dem die bedeutenden Geister seiner Zeit ein- und ausgehen. Holbachs atheistischer Angriff richtet sich gegen religiöses Denken jeglicher Couleur und löst damit - wie La Mettrie - den erbitterten Widerstand der Amtskirche aus. Für den deutschstämmigen steinreichen Baron gilt: Alles Denken ist nur eine »Bewegungsform« der sich selbst steuernden Materie. Mit diesem monistischen Materialismus distanziert er sich gleichzeitig vom Körper-Geist-Dualismus des berühmten Descartes. Beide Autoren - La Mettrie wie Holbach - vertreten, so der Referent am Ende seines informativen, wenn auch etwas zu langen Vortrags, eine Art »metaphysischen Materialismus«. Das heißt, bei ihnen nimmt die universelle Materie = Natur die Stelle Gottes ein - zumindest in dieser Hinsicht ähnlich der »pantheistischen« Gleichung Gott = Natur des Descartes-Kritikers Baruch Spinoza mit seiner Lehre von der universellen »Substanz«.

Die Gesprächsrunde kreiste um Defizite und Selbstwidersprüche der mechanisch-materialistischen Philosophie La Mettries und Holbachs. Ist der Mensch wirklich, wie La Mettrie behauptet, eine nach mechanischen Gesetzen funktionierende Maschine, so kann er nicht über sich selbst reflektieren beziehungsweise verfügt über kein Bewusstsein von sich. Und wenn es tatsächlich eine Identität zwischen Körper, Geist und Seele gäbe, verlören die beiden letzteren Begriffe ihre Bedeutung. (Foto: gk)

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