Wetterau

Die Geiseln der Erinnerung

Der Auftakt zur 15. Saison von »Friedberg lässt lesen« war erfolgreich: Im intimen Rahmen der Bindernagel’schen Buchhandlung stellte Friedrich Ani, einer von Deutschlands erfolgreichsten Kriminalschriftstellern, am Donnerstagabend seinen jüngsten Roman »All die unbewohnten Zimmer« vor. Er las drei Passagen aus dem ersten, zweiten und vierten Teil.
06. September 2019, 18:32 Uhr
Gerhard Kollmer
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Autor Friedrich Ani findet für jede Passage den richtigen Ton. Nach der Lesung bei Bindernagel rezitiert er noch eigene Gedichte. (Foto: gk)

Der Auftakt zur 15. Saison von »Friedberg lässt lesen« war erfolgreich: Im intimen Rahmen der Bindernagel’schen Buchhandlung stellte Friedrich Ani, einer von Deutschlands erfolgreichsten Kriminalschriftstellern, am Donnerstagabend seinen jüngsten Roman »All die unbewohnten Zimmer« vor. Er las drei Passagen aus dem ersten, zweiten und vierten Teil.

In Anis neuem Buch begegnet der Leser einmal mehr den drei markanten Kommissaren Polonius Fischer, Ex-Mönch und Leiter der Mordkommission, seiner Mitarbeiterin Fariza Nasri, dem pensionierten Polizisten und »Todesnachrichten-Überbringer« Jakob Franck sowie dem auf die Vermisstensuche spezialisierten Ex-Kommissar und Detektiv Tabor Süden, dem die besten Einfälle nach einigen Glas Bier oder Wein kommen.

»Schreiende Menschen, die sich hinter und unter Autos versteckten; weinende Kinder; umgekippte Kinderwägen und Fahrräder; Fünf ineinandergekrachte Autos; eine tote Frau mitten auf dem Platz. Mein schwer verletzter Kollege vor einer Parkbank liegend«.

Jenseits der Dienstvorschrift

Fariza Nasri, nach acht Jahren Verbannung in der bayerischen Provinz wieder nach München zurückbeordert, schildert das chaotische Geschehen, die Panik der ziellos auf dem Weißenburgplatz umher rennenden Passanten in atemlosen Stakkato. Schnell gelingt es ihr, den Täter in einer der Wohnungen am Platz dingfest zu machen. Für ihr draufgängerisches Vorgehen jenseits der Dienstvorschriften wird sie vom Vorgesetzten Polonius Fischer gnadenlos niedergemacht.

Ani ist ein nicht nur detailverliebter, sondern -besessener Autor. Die scheinbaren Abschweifungen mögen retardierende Elemente sein, wirken aber niemals langweilig, trüben weder Lese- noch Hörvergnügen.

Auf den ersten Teil, in dem die Ich-Erzählerin Fariza Nasri im Zentrum des Geschehens steht, folgt ein zweiter, wesentlich komplexerer. Diesmal geht es um den Totschlag an einem jungen Polizisten am Rande einer Kundgebung von Rechtsradikalen. Der Autor liest eine ergreifende Passage, in der sich zwei allein nach Deutschland geflohene syrische Jungen unterhalten, deren Eltern im Bürgerkrieg umkamen. Mohammed, der ältere, muss seinen Bruder Hasim immer wieder über diesen Verlust hinwegtrösten: »All das hatte er seinem Bruder schon so oft erzählt, dass er bald selbst nicht mehr wusste, ob die Geschichte sich tatsächlich so zugetragen hatte.«.

Ani findet für jede Passage den richtigen Ton. Schade, dass er nicht länger gelesen hat. Eine nicht der Skurrilität entbehrende Milieustudie ist die Schilderung Tabor Südens im vierten Teil. Er ist Dauergast in einer heruntergekommenen Stadelheimer Pension.

Ein Mitbewohner, langjähriger Insasse des Gefängnisses Stadelheim, »baut« den Knast mit Streichhölzern nach, verbrennt ihn und wiederholt den Ritus immer wieder - ohne Ende. Scheußliche Unterkunft, versoffener Detektiv, von jahrelangem »Knacki«-Dasein gezeichneter Mitbewohner: In Anis immer komplexer werdendem, weit ins Politische ausgreifenden Roman herrscht traurige Düsternis vor. Seine eigenbrötlerischen, introvertierten Figuren (er nennt sie »Zimmerlinge«) tragen das Signum der Vergeblichkeit, sind »lauter schattenhafte Wesen, deren Biografien verschütt gegangen waren«.

Dass dies keine billige »Masche« von ihm sei, war Anis Antwort auf die Frage eines Besuchers, nachdem die Lesung mit einer viertelstündigen Rezitation eigener Gedichte an ihr Ende gekommen war.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Die-Geiseln-der-Erinnerung;art472,625180

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