Wetterau

»Der schönste Salon der Welt«

»Biberrepublik«: So nennt Goethe Venedig, das er 1786 während seiner Italienischen Reise besucht. Gut zehn Jahre später wird Napoléon I. den Markusplatz der 1797 von ihm eingenommenen Stadt den »schönsten Salon der Welt« nennen. Der Ort mit über tausendjähriger Geschichte gefällt dem zukünftigen Kaiser der Franzosen so gut, dass er diverse Kunstwerke »mitgehen« lässt. Prof. Peter Schubert aus Friedberg beleuchtete in seinem anderthalbstündigen Lichtbildervortrag am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau die Lagunenstadt aus mehreren Blickwinkeln: Ins Zentrum seiner Ausführungen rückte er die Architektur- und Kunstgeschichte der Dogenrepublik. Herausragende Bauten wie Dogenpalast, Dom, Ca d’Oro, Fondaco dei Turchi und andere wurden stellvertretend für die Baugeschichte der »Serenissima« vorgestellt und interpretiert.
19. November 2019, 20:43 Uhr
Gerhard Kollmer
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Peter Schubert

»Biberrepublik«: So nennt Goethe Venedig, das er 1786 während seiner Italienischen Reise besucht. Gut zehn Jahre später wird Napoléon I. den Markusplatz der 1797 von ihm eingenommenen Stadt den »schönsten Salon der Welt« nennen. Der Ort mit über tausendjähriger Geschichte gefällt dem zukünftigen Kaiser der Franzosen so gut, dass er diverse Kunstwerke »mitgehen« lässt. Prof. Peter Schubert aus Friedberg beleuchtete in seinem anderthalbstündigen Lichtbildervortrag am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau die Lagunenstadt aus mehreren Blickwinkeln: Ins Zentrum seiner Ausführungen rückte er die Architektur- und Kunstgeschichte der Dogenrepublik. Herausragende Bauten wie Dogenpalast, Dom, Ca d’Oro, Fondaco dei Turchi und andere wurden stellvertretend für die Baugeschichte der »Serenissima« vorgestellt und interpretiert.

Spiegel der Kulturgeschichte

Bildende Kunst als Spiegel der Kulturgeschichte: Der Referent präsentierte Schlüsselwerke bedeutender venezianischer Maler wie Giovanni Bellini, Jacopo Tintoretto, Tizian, Paolo Veronese, Tiepolo, Canaletto und unterzog sie einer sozialgeschichtlichen Interpretation. Die mythischen Anfänge Venedigs ließ Prof. Schubert in seiner Erzählung der Legende vom Raub der Gebeine des hl. Markus lebendig werden. Über die Historie der Stadt von den Anfängen als Teil des byzantinischen Exarchats von Ravenna um 700 über den Aufstieg zur Seemacht im Hohen Mittelalter bis zum politischen Verfall im 18. Jahrhundert erfuhren die zahlreich erschienenen Hörer die wichtigsten Fakten.

Auch die politische Struktur der Adelsrepublik stellte der Referent anhand von Schaubildern dar. Der auf Lebenszeit ernannte Doge war lediglich Repräsentant dieses in seiner Form singulären Staatswesens. In der tausendjährigen Geschichte der Stadt kam es nur einmal vor, dass ein Doge - Marino Falier - in einer Art Putsch sein Amt erblich zu machen und eine Dynastie zu gründen versuchte. Er wurde hingerichtet. Auch den klimageografischen Besonderheiten der Lagunenstadt widmete Professor Schubert seine Aufmerksamkeit.

Der Komödienschreiber Carlo Goldoni sowie die Tonsetzer Claudio Monteverdi und Antonio Vivaldi sind Hauptrepräsentanten venezianischer Literatur und Musik. Zahlreiche ausländische Maler (wie zum Beispiel William Turner und Claude Monet) sowie Schriftsteller wie Shakespeare, Lord Byron, Ezra Pound, Thomas Mann (»Tod in Venedig«) oder Donna Leon in ihren »Commissario Brunetti«-Krimis haben der Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt.

Prof. Schubert unterließ es in seinem mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag nicht, auf die Gefährdung der Stadt durch den Massentourismus hinzuweisen.

Bereits Tommaso Marinetti, der führende Kopf des Futurismus, wies zu Beginn des letzten Jahrhunderts darauf hin, dass Venedig aus seiner Sicht dabei sei, seine Seele an die Touristen zu verkaufen. Um dies zu verhindern, schlug er provokativ vor, die Kanäle zuzuschütten und die Palazzi abzureißen.

Das nächste Thema der Reihe »Kultur auf der Spur« wird sein: »London als Geburtsstätte des britischen Parlamentarismus«. Gerhard Kollmer wird am Montag, 2. Dezember, um 19.30 Uhr im Bibliothekszentrum Klosterbau referieren. Dabei geht es um die »Magna Charta«, die »Habeas Corpus-Akte« und »Bill of Rights«: Diese verfassungsrechtlichen Dokumente markieren wichtige Abschnitte auf dem Weg zum britischen Parlamentarismus. Gleichzeitig sind sie Schlüsseltexte für die Entwicklung der Staaten West- und Mitteleuropas zu repräsentativen Demokratien. Foto: gk

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