28. Februar 2018, 19:41 Uhr

Der letzte metaphysische Optimist

28. Februar 2018, 19:41 Uhr
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Aus der Redaktion

Es ist sein einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes größeres Werk und ging aus Gesprächen mit der späteren Königin Sophie Charlotte von Preußen hervor: Gottfried Wilhelm Leibniz’ 1710 erschienene »Abhandlungen zur Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels« – wie sein vollständiger Titel lautet. Diesem epochemachenden Versuch, die Übereinstimmung, ja Identität von Glaubens- und Vernunftwahrheit zu erweisen, widmete Dr. Antonio Falduto seinen gut einstündigen Vortrag am vergangenen Freitagabend im Rahmen der philosophischen Reihe.

Anlass für Leibniz, sich diesem seit der hochmittelalterlichen Scholastik immer wieder behandelten philosophisch-theologischen Schlüsselthema zu widmen, waren die Thesen des französischen Protestanten Pierre Bayle in seinem »Historisch-kritischen Wörterbuch«. In einem längeren Artikel dieses groß angelegten Plädoyers für religiöse Toleranz versucht Bayle darzutun, dass zwischen der beschränkten menschlichen Vernunft und den geoffenbarten Glaubenssätzen ein unüberbrückbarer Abgrund klafft. Der – wie die meisten seiner Glaubensbrüder – nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes 1685 aus Frankreich geflohene Autor sieht für den Menschen keine andere Möglichkeit, als an den die menschliche Vernunft übersteigenden Glaubenssätzen strikt festzuhalten – ohne deshalb in intoleranten Dogmatismus nach dem »Vorbild« des zeitgenössischen Katholizismus zu verfallen.- Diametral zu Bayles vernunftskeptischer Einstellung ist, so der Referent, Leibniz‹ Abhandlung zur Theodizee ein – die Existenz Gottes voraussetzender – aus dem Geist des Rationalismus unternommener Anlauf, dessen Güte und Gerechtigkeit angesichts des moralisch Bösen und der physischen Übel in der Welt zu demonstrieren.

Macht des Bösen

Darüber hinaus geht es ihm um die Klärung des Verhältnisses von göttlicher Vorsehung und menschlicher Freiheit. Setzt die Fähigkeit zur Vorhersehung alles Zukünftigen nicht die Macht zu dessen Vorbestimmung voraus? Kann Gott wissen, wie sich seine von ihm mit freiem Willen ausgestatteten menschlichen Geschöpfe verhalten werden? Und ist das Leid unschuldiger Menschen – sei es unter der Macht des Bösen oder der Geißel von Naturkatastrophen und Krankheiten – nicht schlagender Beweis gegen die Existenz wenn nicht eines Gottes überhaupt, so doch zumindest gegen dessen Güte und Gerechtigkeit?

Zieht man beispielsweise der menschlichen Bosheit bis hin zu den millionenfachen Morden des 20. Jahrhunderts wirklich den Stachel, wenn sie als notwendige Folge der Freiheit des Menschen ausgegeben werden? Ist Leibniz’ Argument, Gott habe nicht primär das Glück des Menschen, sondern die beste aller möglichen Welten, die nun einmal unschuldiges Leiden einschließe, bei der Schöpfung im Sinn gehabt, nicht unfreiwillig zynisch? So hat es nicht nur der französische Aufklärer Voltaire (unter dem Eindruck des verheerenden Erdbebens von Lissabon 1755) empfunden, der den Leibniz’schen Vernunftoptimismus in seinem Roman »Candide oder der Optimismus« gnadenlos der Lächerlichkeit preisgibt. Drei Generationen nach Leibniz erklärt Kant das Theodizeeproblem als rein theologisches und entzieht dessen Erörterung damit die philosophische Grundlage.



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