Wetterau

Der einsame Wanderer und seine Traurigkeit

Das Leben als Wanderschaft: Franz Schubert hat diesen zentralen Topos romantischer Lyrik in seinen großen Liedzyklen »Die schöne Müllerin« (1823) und »Winterreise« (1827) nach Gedichten von Wilhelm Müller aufgegriffen. Zeigt sich in der »Schönen Müllerin« die Natur noch von ihrer freundlichen Seite, so nimmt sie in der »Winterreise« bedrohliche, menschenfeindliche Züge an.
17. September 2019, 20:56 Uhr
Redaktion
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Jonas Wilmers

Das Leben als Wanderschaft: Franz Schubert hat diesen zentralen Topos romantischer Lyrik in seinen großen Liedzyklen »Die schöne Müllerin« (1823) und »Winterreise« (1827) nach Gedichten von Wilhelm Müller aufgegriffen. Zeigt sich in der »Schönen Müllerin« die Natur noch von ihrer freundlichen Seite, so nimmt sie in der »Winterreise« bedrohliche, menschenfeindliche Züge an.

Jonas Wilmers, Gesangsschüler an der Friedberger Musikschule Natella Volkows, hat den Mut, das erste Lied aus der »Schönen Müllerin« und sechs weitere Titel aus der »Winterreise« im intimen Rahmen eines Hauskonzerts vorzutragen. Am Flügel begleitet wird er von Natella Volkow. Das Wagnis hat sich gelohnt. Dem hohen Anspruch Schuberts, der Komplexität seiner scheinbar so schlichten Lieder wird der junge Bassbariton erstaunlich gut gerecht.

Wie in Müllers Gedicht »Frühlings-traum« wechselt auch in Schuberts Vertonungen die Stimmung oft von einem zum anderen Augenblick. Plötzliche Rhythmus- und Tonartwechsel künden vom Umschlagen aufkeimender Hoffnung in tiefste Traurigkeit. Lange kämpft der einsame Wanderer gegen die von Lied zu Lied wachsende Trostlosigkeit an; Erfolg ist ihm nicht beschieden.

Das von Jonas Wilmers besonders empathisch interpretierte Schlusslied des Zyklus’, »Der Leiermann«, markiert den rabenschwarzen Tiefpunkt der Reise ins Nirgendwo. Noch tiefer in Weltschmerz und Verzweiflung kann ein Mensch nicht mehr sinken.

Im Unterschied zum Müllersburschen in der »Schönen Müllerin« macht der Wanderer seinem Leben trotzdem kein Ende. Er zieht weiter - ohne Hoffnung, ohne Ziel. Erstaunlich und bewegend ist es zu hören, wie gut sich ein junger Mann, der das Leben noch vor sich hat, in diese so unendlich traurigen Melodien einfühlen kann - und dafür zu Recht starken Beifall erhält. Dass Wilmers vor hohen Anforderungen nicht zurückschreckt, zeigt er nach der Pause ein zweites Mal mit dem Vortrag von vier, 1888 veröffentlichten, Liedern Hugo Wolfs - davon drei nach Texten von Eichendorff und Mörike.

Wolf schlägt in der Geschichte des deutschen Kunstlieds einen ganz neuen Ton an: Das Klavier wächst über die Rolle des Begleitinstruments weit hinaus. Die Melodie verselbständigt sich gegenüber der Singstimme zu einem fast eigenen Stück ohne periodische Wiederholungen. Konzertpianistin Natella Volkow demonstrierte diesen Wandel eindrucksvoll im brillanten Spiel.

Dies alles bedeutet jedoch keine Abwertung des Gesangsparts. Auch er gewinnt an Selbständigkeit, wirkt unmittelbarer, lebendiger. Ein weiteres zum Erfolg Hugo Wolfs als bedeutendstem spätromantischen Liedkomponisten tragen die wunderbaren Mörike-Gedichte bei, die er am häufigsten vertont hat.

Hugo Wolfs von Jonas Wilmers abschließend vorgetragene Vertonung von Mörikes »Fußreise« wirkt wie eine Zurücknahme von Schuberts traurigen »Winterreise«-Liedern. Auch dafür erhält der junge Bariton langanhaltenden Schlussbeifall. (Foto: gk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Der-einsame-Wanderer-und-seine-Traurigkeit;art472,628163

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