28. Februar 2017, 20:11 Uhr

Der den Göttern das Feuer stahl

28. Februar 2017, 20:11 Uhr
Thront über der bekannten Eisbahn am Rockefeller Center in New York: Eine Statue des Prometheus. (Fotos: dpa/gk)

Die Vortragsreihe über bedeutende Mythen im Rahmen der Reihe »Kultur auf der Spur« wurde von Dr. Mathias Vollet (Bernkasteler Akademie für Geistesgeschichte) fortgesetzt. Sein einstündiger Vortrag kreiste um eine Sagengestalt, die im Lauf von mehr als zweieinhalbtausend Jahren so viele Um- und Neudeutungen erfuhr, wie kaum ein anderer griechischer Mythos. Im Unterschied zu religiösen, wörtlich fixierten Texten wie der Bibel, dem Talmud oder dem Koran unterliegt der Mythos seit jeher z. T. stark differierenden schriftlichen Fixierungen. So ist Prometheus in der »Theogonie« (Götterentstehungslehre) des im achten vorchristlichen Jahrhundert schreibenden griechischen Autors Hesiod ein Abkömmling der Urgottheiten Gaia (Erde) und Uranos (Himmel). Er gehört dem Geschlecht der Titanen an und hat etliche Geschwister wie zum Beispiel Chronos, den Vater des Zeus. Dieser wird ihn entthronen und sich selbst zum Göttervater erheben. Damit ist bereits eine spätere historische Stufe des Prometheusmythos erreicht – wie z. B. im Drama des etwa 250 Jahre nach Hesiod schreibenden Tragödiendichters Aischylos (in seinem Drama »Der gefesselte Prometheus«). Hier mutiert Prometheus zum Gott und wird für seinen Frevel, den Göttern unter anderem das Feuer entwendet zu haben, gnadenlos bestraft. An das Taurosgebirge festgeschmiedet, wird ihm seine ständig nachwachsende Leber von einem Adler aus dem Leib gehackt.

Am Beispiel des platonischen Dialogs »Protagoras« zeigte Dr. Vollet in seinem informativen Vortrag eine weitere Umdeutung des uralten Mythos auf. Der Philosoph Platon versucht sich nach der Devise »Vom Mythos zum Logos« an der »Rationalisierung« des Mythos, das heißt er will ihm einen vernünftigen Sinn abgewinnen – oder unterschieben, je nach Perspektive.

Seit der frühen Neuzeit wird Prometheus immer mehr zum Symbol desjenigen, der dem »Mängelwesen« Mensch nicht nur das ihn endgültig über die Tiere erhebende Feuer, sondern auch alles für ein zivilisiertes Leben Nötige beschafft. Der im Mythos selbst für ewige Zeiten Gefesselte wird so allmählich zum Inbegriff des entfesselten (technischen) Fortschritts der Menschheit und damit eine bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein positiv konnotierte Gestalt.

Bau der Atombombe

Diese optimistische Prometheus-Deutung schlägt um ins Negative, nachdem der Mensch mit dem Bau der Atombombe zum ersten Mal die Möglichkeit erhielt, die Zivilisation auszulöschen. Er gerät gegenüber seinen eigenen, ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnenden Erfindungen wie z.B. der Computertechnik, immer mehr ins Hintertreffen. Werden sie eines Tages vielleicht sogar die Herrschaft über ihn antreten? Am Beispiel von Günter Anders’ prophetische Züge tragenden Werk »Die Antiquiertheit des Menschen« aus den frühen 1960er Jahren zeigte Dr. Vollet auf, wie die Prometheusgestalt endgültig eine völlige Neudeutung erfährt. Anders spricht von der »prometheischen Scham« des Menschen. Niemand, selbst der einzelne Experte, versteht mehr eine immer komplexer werdende Welt intelligenter Maschinen und Kommunikationsmöglichkeiten. Wir schämen uns, wie alte vom davonrasenden Fortschrittszug abgekoppelte Waggons zu sein. So sieht es zumindest Anders. Gleichviel. Kaum eine Gestalt wie Prometheus ist besser geeignet für das Fortwirken eines Mythos, der sich immer wieder neuen Bedingungen anverwandelt hat.

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