Wetterau

Der Zwergpirat aus Zamonien

Wer kennt nicht die angeblich wahren Geschichten, die der alte Käpt’n Blaubär seinen Enkeln in der »Sendung mit der Maus« erzählt? Erfinder der Geschichten ist der Autor und Comic-Zeichner Walter Moers, der seit der Veröffentlichung seiner Adolf-Figur von rechten Kreisen angegriffen wird und daher eher unerkannt bleiben möchte.
11. Oktober 2019, 20:53 Uhr
Harald Schuchardt
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Wenn Dietmar Wunder in die Rolle des Professors Nachtigaller schlüpft, dann dreht er blitzschnell seine Kappe nach rechts, erhebt immer wieder den Zeigefinger, um im getragenen Tonfall die wundersamen Erklärungen vorzutragen. (Foto: lod)

Wer kennt nicht die angeblich wahren Geschichten, die der alte Käpt’n Blaubär seinen Enkeln in der »Sendung mit der Maus« erzählt? Erfinder der Geschichten ist der Autor und Comic-Zeichner Walter Moers, der seit der Veröffentlichung seiner Adolf-Figur von rechten Kreisen angegriffen wird und daher eher unerkannt bleiben möchte.

»Vielleicht ist Walter Moers ja heute Abend hier. Ich kenne ihn nicht, aber er kennt mich und er wollte, dass ich aus seinem Buch lese«, verkündete Schauspieler Dietmar Wunder zu Beginn seiner Lesung aus »Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär« am Donnerstagabend in der Ovag-Hauptverwaltung im Rahmen von »Friedberg lässt lesen.« Das bereits 1999 erschienene Buch ist das erste von inzwischen neun Zamonien-Romanen, die jedoch nur bedingt mit den Geschichten aus der »Sendung mit der Maus« zu tun haben.

Stimme von James Bond

Zum »20 ½ Jubiläum« ist der erste Blaubär-Roman, den Moers selbst illustrierte, neu aufgelegt worden, dieses Mal mit einer großen Landkarte von Zamonien, dem fiktiven Land in dem die Lebensgeschichte von Käpt’n Blaubär spielt. Walter Moers habe ein »interaktives Leseerlebnis mit Figuren, die es so noch nicht gab«, geschaffen, so der 54-Jährige, der als Hörspielschauspieler und -regisseur ebenso bekannt ist wie als Synchronsprecher. Er ist die deutsche Stimme von Adam Sandler und von Daniel Craig als James Bond in »Casino Royal«. So begrüßte er kurz die Besucher im Stil von James Bond und erläuterte im Verlauf des Abends, wie sich Synchronsprecher ihrer Rolle nähern.

Die Vorgehensweise sei beim Lesen von Büchern nicht anders. »Schon beim Lesen habe ich die Figur vor mir, mache Notizen am Rand des Textes, ziehe eine Schublade auf und habe die Stimmfarbe.«

Das war bei Käpt’n Blaubär und den vielen Figuren in Moers umfassendem Werk nicht anders. »Jetzt bin ich Käpt’n Blaubär«, sagte Wunder nach seiner kurzen Einführung, setzte eine Kappe auf, änderte seine Stimmfarbe und begann mit dem bei Blaubär-Fans schon legendären ersten Satz des 702 Seiten umfassenden Kultromans: »Ein Blaubär hat 27 Leben. Dreizehneinhalb werde ich in diesem Buch preisgeben.«

Wunder begann mit Blaubärs erstem Leben als Zwergpirat in Zamonien. Die kleinen Klabautergeister fischten den ausgesetzten Blaubart als nacktes Baby in einer Nussschale aus dem tosenden Meer. Was Klabautergeister sind, erläuterte Prof. Dr. Abdul Nachtigaller in seinem »Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung.« Schlüpft Wunder in die Rolle des Professors, in dessen Nachtschule Käpt’n Blaubär in seinem sechsten Leben geht, dann dreht er blitzschnell seine Kappe nach rechts, erhebt immer wieder den Zeigefinger, um im getragenen Tonfall die wundersamen Erklärungen vorzutragen.

Überhaupt ist es ein großer Spaß, Wunder nicht nur zuzuhören, sondern bei seiner Lesung auch zuzusehen. Der Berliner setzt seinen ganzen Körper ein, seine Hände wirbeln bei seinem Sprach-Stakkatos durch die Luft, um im nächsten Moment bei einer Passage in »Sprach-Zeitlupe« dementsprechend langsam zu agieren. Vier Leben des jungen Käpt’n Blaubär erzählt Wunder in seiner 75-minütigen Lesung, bei der nicht eine Sekunde Langeweile aufkommt. Wunder beendet den Abend mit dem 5.Leben von Blaubär, der bei den Stollendrollen mit ihren zwölf absurden Geboten im Stollenlabyrinth so manches Problem zu bewältigen hat.

Langer Beifall war der Lohn für einen äußerst unterhaltsamen Abend, der mit vielen persönlichen Gesprächen am Büchertisch endete. Und den legendären »Käpt’n-Blaubär-Stempel« durften die Besucher selbst neben der Signatur Wunderers setzen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Der-Zwergpirat-aus-Zamonien;art472,634948

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